| Regest: |
Der Geschäftsführer des Reichsverbands der Deutschen Industrie, Ludwig Kastl, analysiert in diesem ausführlichen Memorandum die Folgen des britischen Abgehens vom Goldstandard. Nach fortgesetzten Devisen- und Goldabflüssen seit dem Mai 1931 hatte Großbritannien am 20. September 1931 die Goldeinlösepflicht des Pfundes aufgegeben. Das hatte in den folgenden Wochen der Wertverlust des Pfundes um ca. ein Drittel zur Folge. Gleichzeitig folgten zahlreiche Ländern - aus dem Commonwalth, aber beispielsweise auch in Skandinavien - dem britischen Beispiel und gaben die Golddeckung der Währung auf. Gerade Länder, die während der frühen 1920er Jahre intensive Erfahrungen mit Inflationen gesammelt hatten (wie Deutschland oder Frankreich), konnten und wollten dem britischen Beispiel jedoch nicht folgen. Insgesamt handelte es sich um eines der zentralen Ereignisse der Weltwirtschaftskrise, das den Auftakt zu einer monetären Desintegration markierte und das "Zerplatzen" der Welt in verschiedene Währungs- und Handelsblöcke einleitete. Kastl sieht durchaus die kurzfristig positiven Auswirkungen der Aufgabe des Goldstandards für die britische Wirtschaft, gewichtet aber den Verlust an Prestige und wirtschaftlicher Integrationskraft Großbritanniens sehr viel höher. |
Folgen des Abgangs vom Goldstandard
12. November 1931
Am 21. September des Jahres hat die die englische Regierung auf dem Umwege über die Währung, durch die Aufhebung der Einlösungspflicht
in Gold seitens der Bank von
England, ein
Moratorium dem Ausland gegenüber [handschriftlich: de facto ein Moratorium geschaffen, als keine
weiteren Goldabzüge stattfinden können]geschaffen. England war zu dieser, die ganze Welt in
Erstaunen setzenden Maßnahme gezwungen, weil die Goldabzüge in England im Laufe der letzten Monate so stark waren,
dass die Bank von England
völlig ausgeblutet war. Einem Goldbestand von 2,5 Milliarden RM standen Rediskontschulden1 in Höhe von 2,6 Milliarden RM gegenüber.
Das Pfund verlor damit
seine internationale Bedeutung als dasjenige Zahlungsmittel, in dem der grösste
Teil des Welthandels finanziert und bezahlt wurde. Die Verluste, die die
einzelnen Volkswirtschaften durch die Entwertung des Pfundes, die heute etwa 25 % ausmacht,
erleiden, sind ausserordentlich gross und die Unsicherheit auf den
internationale Weltmarkt
[Märkten] ist damit ganz bedeutend gestiegen. Es weiss
eigentlich niemand recht, wie er sich zu den Dingen einstellen soll, jeder
möchte gern, und zwar meines Erachtens mit sehr viel logischen Gründen – seine
Lieferungen, die in Pfunden berechnet sind, auf Goldbasis abrechnen. Niemand wird aber seinen Wunsch tatsächlich
erfüllt bekommen, obwohl die "Peel Act" von 1844 nicht nur suspendiert sondern
aufgehoben ist und eigentlich das heutige Pfund ein ganz anderes Pfund ist als das, zu
dem [handschriftlich: Lieferungsgeschäfte]
kontrahiert werden. Noch schwieriger wird die Sachlage für diejenigen, welche
Lieferungsverträge in Pfunden abgeschlossen und noch nicht geliefert haben. Es ist
unmöglich, einen allgemeinen Rat zu geben, man kann nur empfeh-len, dass sich jeder einzelne mit seinen ausländischen Kunden in einer loyalen
Weise auseinandersetzt. Ob das im einzelnen Fall so weit geht, dass der Abnehmer
den ganzen Verlust trägt, ist sehr zweifelhaft, in den meisten Fällen wird der
Verlust bei dem Lieferanten hängen bleiben.
Ich habe sehr wenig Hoffnung, dass sich das Pfund bald wieder erholt. Einen Plan sehe ich bei den Massnahmen der englischen Regierung nicht und ich glaube, dass es nur die bitterste Not gewesen ist, die die englische Regierung zu diesem säcularen Schritt veranlasst hat.2 England besitzt zwischen 70 und 80 Milliarden Investitionen im Auslande, die fast ausschliesslich in der englischen Währung gemacht sind. Nach der Höhe dieser langfristigen Forderungen an das Ausland ist England immer noch ein reiches Land, nach der Rentabilität dieser Investitionen aber ist ihr Wert ausserordentlich zurückgegangen, da nur ein geringer Prozentsatz noch eine wirklich angemessene Rente abwirft. Für eine Manipulierung des Pfundes - und nur durch eine solche kann überhaupt der Kurs des Pfundes reguliert werden - kommen diese Forderungen nicht in Betracht, da sie weder sehr schnell realisierbar noch brauchbar sind für eine Währungsmanipulierung, da sie auf dieselbe Währung lauten, die manipuliert werden soll.3 Es wird in der ganzen Welt das Bestreben vorherrschen, Pfundverpflichtungen so schnell wie möglich abzudecken, weil jeder gern einen Gewinn von 25 % in der Abdeckung seiner Schulden mitnimmt. Darüber wird eine vorübergehende Nachfrage nach Pfunden und auch eine vorübergehende Aufbesserungen des Pfundkurses entstehen. Lässt aber die Nachfrage nach Pfunden nach, so sehe ich mit einer gewissen Angst ein starkes Abgleiten des Pfundes kommen. Dieses Abgleiten wird sehr stark begünstigt werden durch die auch in der Zukunft noch vorhandene Passivität der englischen Handelsbilanz und durch die Tatsache, dass ein sehr grosser Teil der kurzfristigen englischen Forderungen an das Umland als eingefroren gelten kann. Die Passivität der englischen Handelsbilanz hat im letzten Jahre den Betrag von nahezu 8 Milliarden erreicht. Dieses Saldo ist nach Lage der gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse in der Welt durch Kreditposten auf der Zahlungsbilanz nur sehr schwer auszugleichen und so wird der Druck auf das englische Pfund fortgesetzt bestehen bleiben. Selbstverständlich wird in den ersten Wochen das Preisniveau in England relativ niedrig sein, aber auch die drakonischsten Gesetze werden ein Einschwenken des Preisniveaus in der Richtung der Entwertung der Währung kaum verhindern können. Wird aber damit die Bedeutung und die Funktion des englischen Pfundes für den internationalen Warenaustausch ausgeschaltet, so ist damit für die ganze Welt ein zur Zeit kaum übersehbarer Schaden angerichtet. Das zeigt sich ja auch jetzt schon in der Ratlosigkeit der ganzen Welt in der Suche nach einem Ersatz für das Pfund als Werteinheit für den internationalen Warenaustausch.4
In ganz kurzen Zwischenräumen sind alle nordischen Währungen (die norwegische Krone, die schwedische Krone und die dänische Krone) dem Pfunde gefolgt. Überall ist die Einlösungspflicht in Gold aufgehoben und eine entsprechende Entwertung eingetreten.5 Die an- deren Länder, die in einer schwierigen währungspolitischen Lage sind, machen noch krampfhafte Versuche, den Goldstandard zu halten; wie lange das gelingt, ist absolut zweifelhaft. Dabei vermehren sich die Schwierigkeiten von Tag zu Tag und die Goldzuflüsse nach Frankreich und der Schweiz nehmen zu. Die Menge des arbeitslosen Goldes wird täglich vermehrt. Der holländische Gulden hat auch schon die ersten Anzeichen einer Erschütterung durch Goldabzüge erfahren müssen. Wenn sich das nicht fortgesetzt hat, so liegt das meines Erachtens sehr weitgehend daran, dass Holland in einem starken Missverhältnis zu seiner eigenen wirtschaftlichen Kapazität eine Vermittlungsstelle für den internationalen Warenaustausch geworden ist. Seit dem 16. September haben die Goldabzüge in Amerika eine Höhe von 409 Millionen Dollar erreicht, die Arbeitslosenziffer in Amerika hat die Grenze von 10 Millionen überschritten. Die finanziellen Schwierigkeiten wachsen dort von Tag zu Tag, wofür der Zusammenbruch von 1500 Banken allein in den letzten 6 Monaten ein deutliches Zeichen ist. Der Haushalt 1931 der Vereinigten Staaten soll nach den offiziellen Angaben ein Defizit von 1500 Millionen Dollar aufweisen. Die Handelsbilanz der Vereinigten Staaten ist seit 2 Monaten zum ersten Mal seit nahezu 15 Jahren passiv und die Passivität wird wachsen, denn in keinem Lande der Welt hat der Aussenhandel prozentual so stark abgenommen als gerade in den Vereinigten Staaten. Der Goldbestand Nordamerikas ist absolut und pro Kopf der Bevölkerung gerechnet noch immer ausserordentlich hoch. Im einzelnen sind die Ziffern per 1. September 1931 wie folgt:
| USA | Pro Kopf | 172 RM | Insgesamt | 21 Milld. RM |
| Frankreich | " " | 235 " | " " | 9,6 " |
| England | " " | 60 " | " " | 2,5 " |
| Deutschland | " " | 22 " | " " | 1,4 " |
| Italien | " " | 28 " | " " | 1,2 " |
Es mag für viele im Augenblick als grotesk angesehen werden, wenn man die Frage, ob auch Amerika durch starke Goldabzüge demnächst in Schwierigkeiten gebracht werden kann, bejaht. Die Tatsache, dass in 14 Tagen 1,7 Milliarden RM Gold abgeflossen sind, gibt aber dafür einen gewissen Anhalt. Es darf dabei auch nicht übersehen werden, dass das Volumen der amerikanischen Wirtschaft einen viel grösseren Goldbestand erforderlich macht als Frankreich, und dass Frankreich heute schon einen Goldbestand hat, der grösser ist als die Hälfte des Goldbestandes der Vereinigten Staaten, während das Produktionsvolumen in den Vereinigten Staaten das .. fache des von Frankreich ist.6 Es ist absolut nicht ausgeschlossen, dass die Goldwanderung in der Welt sich so entwickelt, dass letzten Endes der grösste Teil des monetären Geldes in Frankreich landet. Frankreich wird dadurch innenpolitisch mit seinem Preisniveau und seinen Staatsausgaben in die allergrössten Schwierigkeiten kommen, die Passivität der Handelsbilanz wird ausserordentlich steigen trotz aller Abwehrmassnahmen. Das innere Preisniveau wird sich erhöhen und letzten Endes wird ein Ausgleich der Zahlungsbilanz nur durch Goldexport gefunden werden können. Das wird aber ein ziemlich langer Entwicklungsprozess sein, bis diese Folgen in Frankreich eintreten und es wird noch länger dauern, bis die Schwierigkeiten so gross werden, dass man die Politik in Frankreich ändern wird. Normalerweise muss auch in der Nachkriegszeit genau so wie in der Vorkriegszeit das Gold wieder zu einer richtigen Verteilung kommen und es wird letzten Endes am leichtesten dahin wandern, wo die besten Wettbewerbsverhältnisse vorliegen, d. h. wo die niedrigsten Produktionskosten bestehen. Wenn dieser organisch begründete Lauf des Goldes in den letzten Jahren so gehemmt gewesen ist, so liegen dafür mehrere Ursachen vor.
Die erste Ursache sind die interalliierte Verschuldung und die Reparationszahlungen. Die Tatsache, dass durch das Hoover-Jahr die Reparationszahlungen und die interalliierte Schuldentilgung eingestellt sind, hat die Entwicklung zu der richtigen Erkenntnis der Verhältnisse beschleunigt. Die zweite Ursache der anormalen Goldwanderung liegt nach meinem Dafürhalten in der Tatsache, dass man in der Nachkriegszeit in stärkerem Masse oder im Gegensatz zur Vorkriegszeit Devisen offiziell als Währungsdeckung anerkannt hat. Ich glaube, dass diejenigen Recht haben, welche in der Empfehlung an die jeweiligen Notenbanken seitens der Genua-Konferenz vom Jahre 1922, angesichts des zu befürchtenden Goldmangels eine zweite Reserve in Gestalt von Devisen d. h. kurzfristigen Goldforderungen auf das Ausland anzuschaffen, eine der Hauptursachen der gegenwärtigen Währungsschwierigkeiten in der Welt sehen.7 Die Notenbanken haben alle diese Empfehlung getreulich befolgt mit der Wirkung, dass jede Notenbank in steter Furcht davor lebte, die anderen Banken könnten eines Tages ihre Goldforderungen abziehen und die Landeswährungen von aussen her erschüttern. Jede Bank hatte das Bestreben, so viele Devisen anzusammeln wie nur möglich und auf jeder Bank entstand das Bestreben, die Goldforderungen, die das Ausland gegen sie beschafft hatte, dadurch auszugleichen, dass sie selbst eine genügende Menge von Goldforderungen an das Ausland anzusammeln suchte. Dadurch ist aber, weil dem Golde die Ware folgen muss, eine unnatürliche Entwicklung des Warenstromes entstanden, die letzten Endes zu verschiedenen Abschliessungstendenzen geführt hat.
In dem Augenblick, wo in irgendeinem Lande starke Abzüge aus irgendeinem lokalen Ereignis oder aus nationalen Schwierigkeiten oder aus allgemeinem Misstrauen entstanden, musste das ganze Gebäude der gegenwärtigen kurzfristigen Goldforderungen erschüttert werden und wie Sand zerfliessen. So hat der Zusammenbruch der Kreditanstalt in Wien und das internationale Misstrauen gegen Mitteleuropa genügt, um eine Schwierigkeit nach der anderen zu erzeugen. Eine dritte Ursache sehe ich in der Entwicklung der Währungsverhältnisse in Frankreich. Der französische Franken war in den Jahren 1922 - 1926 stets in Schwierigkeiten. Die Notenausgabe war enorm gesteigert und es wanderten riesige Mengen an frz. Franken auf dem Umwege über andere, besser gesicherte Währungen in das Ausland ab. Die abgewanderten Franken kehrten in spekulativer Absicht nach Frankreich zurück, als sich die durch den Ministerpräsidenten Poincaré eingeleiteten Stabilisierungsmassnahmen des Franken im Jahre 1926/27 als richtig erwiesen und Vertrauen in die Aufbesserung des Frankenkurses entstand. Die Bank von Frankreich hat diese grossen Summen an Franken nahezu restlos aufgefangen, in Devisen umgewandelt und in dieser Form kurzfristig zur Verfügung des Auslandes gestellt. Das Ausland selbst bekam immer mehr Vertrauen zu der Aufbesserung des Franken und hat zwecks erneuter Franken-Spekulation diese Devisen wieder in Franken umgewandelt. Die Bank von Frankreich hat auch diesen neuen Vorgang wieder mitgemacht und mit den aufgefangenen Franken wieder Devisen beschafft. So ging der Weg hin und zurück, bis im Frühjahr 1928 zur Zeit des höchsten Standes des Franken die Bank von Frankreich ein Devisenpolster von über 4–5 Milliarden Franken = etwa 7 1/2 - 8 Milliarden Goldmark besass.8
Ich glaube, dass die Finanz- und Währungssachverständigen Recht haben, die behaupten, dass auf diesen französischen Devisenbestand letzten Endes alle Vertrauens- und Kreditkrisen zurückgehen, die Europa und auch die übrigen Kontinente zur Zeit erschüttern und dass mit veranlasst durch den französischen Devisenbestand jedes der Länder, in denen Frankenguthaben arbeiteten, zur Sicherung wegen plötzliche Abziehungen seinerseits greifbare Valutaguthaben in anderen Ländern unterhalten musste, die aus analogen Gründen wiederum Sicherungsguthaben nach dritten Ländern legen mussten. Nach zuverlässigen Angaben wird der kurzfristige Gesamtkredit, der bis vor 3 Monaten netzartig die Länder überzogen hat, auf über 40 Milliarden RM geschätzt.
Es ist erstaunlich, aber wohl rein zufällig, dass der Betrag ungefähr dem Bestand an monetärem Golde in der ganzen Welt entspricht. Wir sehen aber daraus, dass theoretisch die gesamte monetäre Menge an Gold in Bewegung gesetzt werden müsste, um dieses Schuldverhältnis auszugleichen. Wegen der starken Unterschiede zwischen den Kapazitäten der Gläubiger und der Schuldner wird aber der Ausgleich auf diesem Wege nicht erfolgen können, sondern nur in einer langfristigen Entwicklung durch goldwerte Leistungen und Lieferungen. In diesem Prozess müsste der Warenstrom von den armen und billigen Ländern in die teuren und reichen Länder sehr stark sein und den Goldstrom von den teuren und reichen Ländern nach den armen, aber in der Wettbewerbsfähigkeit günstig liegenden Ländern in Bewegung setzen, und zwar so lange, bis wieder ein normaler Ausgleich dadurch erreicht wird, dass die jetzt an Gold reichen Länder wieder wettbewerbs- und exportfähig werden. Das ist aber ein Prozess von einer ziemlich langen Dauer, der in seiner Entwicklung auch noch durch politische Einflüsse, insbesondere in Frankreich, stark gehemmt werden wird. Die Unsicherheit, die aber auf währungspolitischem Gebiet in der ganzen Welt besteht, ist so gross und für die einzelnen Volkswirtschaften so schädigend, dass nach meiner Ansicht der Ablauf dieser Entwicklung nicht abgewartet werden kann. Es ist erstaunlich, dass angesichts der Zustände in der Welt, die durch die Währungsverhältnisse der letzten Wochen noch ausserordentlich verschärft worden sind, der Gedanke einer internationalen Lösung nicht stär-ker in den Vordergrund getreten ist. Man lässt die Dinge gehen und wartet mit Spannung auf ein neues Orakel von Präsident Hoover. Ich fürchte, dass alle die Massnahmen, Vorschläge, die von amerikanischer Seite kommen, zu sehr den Stempel "made in and for U.S.A." tragen, als dass sie für die Lösung in der ganzen Welt brauchbar wären. Ebenso ist auch eine Lösung, die von Frankreich ausgesonnen würde, unbrauchbar. In beiden Ländern glaubt man noch zu sehr an die für sie selbst vorteilhafte Funktion des Goldes. Man will die Tatsache einer falschen Verteilung des Goldes noch nicht erkennen und insbesondere Frankreich wird nicht so schnell den Gedanken richtig finden, dass es sich zu seinem eigenen und der ganzen Welt Vorteil des arbeitslosen Goldschatzes bis zu einem gewissen Ausmass entledigen muss. Die ganze Welt hat das grösste Interesse daran, dass die Währungen und insbesondere die englische Währung wieder völlig in Ordnung kommen und stabilisiert werden. Die Rettung kann nicht daher kommen, dass man in der ganzen Welt ein bisschen Inflation macht und damit die Preise hebt, sondern die Rettung kann nur dadurch kommen, dass man die Preise für die fertigen Waren in ein richtiges Verhältnis zu den Preisen für die Rohstoffe bringt, d. h. dass man die Produktionskosten auf allen Gebieten für die Fertigwaren senkt. Nur auf diesem Wege wird der Konsum steigen und wird auch der Preis für die Rohstoffe infolge der stärkeren Nachfrage wieder langsam anziehen, nicht um das alte Preisniveau zu erreichen, sondern nur um ein richtiges Verhältnis und damit den Ausgleich herzustellen. Dasjenige Land, welches am schnellsten das Ziel der Senkung der Produktionskosten erreicht,wird auch am schnellsten aus den Schwierigkeiten herauskommen und zu ihm wird sich auf Grund einer organischen Entwicklung letzten Endes der Goldstrom in Bewegung setzen.
Wenn ich oben gesagt habe, dass man den Ablauf dieser Entwicklung nicht abwarten kann, sondern durch eine internationale Vereinbarung den Ablauf beschleunigen und eine Überbrückung von dem gegenwärtigen Chaos in normale Verhältnisse schaffen, so sehe ich eine Lösung nur auf folgendem Wege:
1) Die Internationale Bank in Basel muss das werden, was sie tatsächlich nach den ersten Vorschlägen der deutschen Delegation in Paris während der Young-Konferenz werden sollte, nämlich eine internationale Stelle zur Stützung und Ordnung der in Schwierigkeiten geratenen nationalen Währungen und ein internationales Clearing-house für die einzelnen Notenbanken.
2) Die Internationale Bank müsste auf Grund eines Solidaraktes aller Staaten in die Lage versetzt werden, von allen Staaten garantierte Goldbonds auszugeben in einem Betrage, der ausreichend wäre, um eine wirklich brauchbare Stützung vorzunehmen.
3) Diese Goldbonds können von der Internationalen Bank seitens der Währungsinstitute, deren Währungen in Schwierigkeiten sind, gegen Verpfändung nationaler Werte und gegen einen mässigen Zinsfuss und langfristige Amortisation leihweise übernommen und als Deckung für die Währung benutzt werden. Dieser Weg bedeutet nichts anderes, als dass der nationale Besitz von Goldwerten in jedem einzelnen Lande für die Zwecke der Währungsunterlage zur Verfügung gestellt wird, dass aber eine Mobilisierung oder ein Verkauf dieses Besitzes nicht unbedingt durchgeführt zu werden braucht
4) In jedem Lande, das von diesen Möglichkeiten Gesuch macht, müsste eine besondere Stelle geschaffen werden, die die Zinsen und Amortisationsraten für die Bezahlung dieser Schuld an die Internationale Bank in enger Zusammenarbeit mit dieser durchzuführen und zu garantieren hätte.
5) Es muss auch die Möglichkeit gegeben werden, dass diese Goldbonds ausserordentlich durch echte Warenwechsel, die auf Devisen lauten, abgedeckt werden können.
6) Auf diesem Wege kommt man ganz logischerweise zu dem Ergebnis, dass die Internationale Bank auch dasjenige Institut sein muss, welches im Sinne der Vorschläge von Herrn Franqui eine Rediskontstelle für Exportwechsel wird, die die einzelnen Notenbanken von ihren nationalen Bankinstituten hereingenommen haben. Ich habe keinen Zweifel, dass in einigen Jahren ein grosser Teil der von der Internationalen Bank in Basel auszugebenden Goldbonds allmählich gegen Hergabe von Gold von denjenigen Notenbanken, welche zu viel Gold besitzen, aufgenommen werden. Es mag vielleicht bei der ersten Betrachtung auffallen, dass dieser nach meinem Dafürhalten erst allmählich eintretende Vorgang, das System der Goldbonds gegen Hergabe von Gold seitens der Notenbanken mit grossem Goldbesitz, nicht an die Spitze meines Vorschlags gestellt worden ist. Ich habe das absichtlich nicht getan, weil ich glaube, dass der Zeitpunkt der Einsicht bei diesen Notenbanken, dass sie einen Teil ihres Goldes zum Ankauf dieser Goldbonds verwenden sollten, noch nichtgekommen ist und auch noch nicht so schnell kommen wird. Er wird erst dann eintreten, wenn in diesen Ländern mit grossem Goldbesitz die nationalen wirtschaftlichen Schwierigkeiten so gross werden, dass die Hergabe von Gold als eine Wohltat angesehen wird.
Aus den Zeitungen ist zu entnehmen, dass der Währungssachverständige der Federal Reserve Bank of New York Mr. Burges9 mit einem "Rettungsplan", der eine ähnliche Richtung verfolgt, unterwegs ist. Es ist das derselbe Mr. Burges, der im Jahre 1929 in Paris auf Grund von wochenlangen Verhandlungen gemeinsam mit dem Währungssachverständigen der Bank von England den Plan der deutschen Delegation, nämlich Ausgabe von Geldfonds durch die Internationale Bank, zerschlagen hat mit der Begründung, der ganze Plan laufe auf eine gross angelegte Inflation und auf die Schaffung einer künstlichen Goldgrube hinaus. Wenn die Welt nicht den Mut findet, tatsächlich zum Zwecke der Beseitigung der Gefahren der falschen Goldverteilung einen neuen Weg zu gehen, dann werden die Währungen überall in einigen Monaten zusammenbrechen und das Gold wird an einer oder an 2 Stellen in der Welt sich anhäufen vielleicht mit dem Erfolg, dass es dann als Währungsunterlage vorübergehend überhaupt keinen Wert mehr hätte. Es wäre aber verhängnisvoll, wenn man ein solches Ziel anstreben würde. Denn nur durch die Rückkehr zum Golde und nicht durch die Bewegung "los vom Golde" kann die Rettung gefunden werden und kann auch der Weg eingeleitet werden, Devisen, also kurzfristige Goldforderungen an das Ausland als Währungsunterlage nicht mehr zuzulassen. Dass ist auch der einzige Weg, um allmählich dieses für die ganze Welt schädliche Gebäude der kurzfristigen Verbindlichkeiten wieder zu beseitigen und damit die schreckliche Kreditausweitung, wie sie in den letzten 5 Jahren stattgefunden und sich überschlagen hat.