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Nr. 2.4.1.04

Hermann Schumacher, Bericht über einen Besuch in Tokio und die dabei geführten Gespräche mit Bankiers, Unternehmern und Politiker im Jahr 1898, o. O., 1949

Erinnerungsbericht

Regest:

Der Staatswissenschaftler Hermann Schumacher, der 1897/1898 Mitglied einer Kommission deutscher gewerblicher Sachverständiger war, die Ostasien bereiste, berichtet in seinen 1949 verfassten Erinnerungen über seinen Besuch in Tokio und die dabei geführten Gespräche mit japanischen Bankiers, Unternehmern und Politikern. Als besonders eindrucksvoll stellt er die Begegnung mit dem Bankier und Industriellen SHIBUSAWA Eiichi heraus, der seinem Gast unumwunden darlegte, dass Japan das im Zuge des Russisch-Japanischen Krieg von 1894–1895 annektierte Korea zu einem Musterbeispiel für die japanische Kolonisation machen wolle. Ein weiteres Gespräch führte Schumacher mit HAYAKAWA Senkichirō vom Mitsui-Konzern, der nicht nur eine Bank und eine Handelsgesellschaft, sondern inzwischen auch eigene Fabriken betrieb; näheres über die Geschäftspolitik dieses Familienkonzerns in Erfahrung zu bringen, sei allerdings nicht möglich gewesen. Ferner folgte Schumacher einer Einladung des Privatsekretärs von Ministerpräsident ITŌ Hirobumi, bei der ihm klar geworden sei, dass Japan offenkundig nicht an der Schwelle zu einem neuen „Merkantilzeitalter“ stand, sondern sich bei seiner weiteren wirtschaftlichen Entwicklung im Kern auf private Unternehmen wie Mitsui und Mitsubishi zu stützen gedachte. Erst später sei ihm klargeworden, so reflektiert Schumacher, dass die hohe Kriegsentschädigung, die China an Japan entrichten musste, den japanischen Staat in die Lage versetzt habe, sowohl private japanische Unternehmen zu unterstützen als auch verstärkt in staaatliche japanische Industriebetriebe zu investieren, für die - über die Köpfe der ausländischen Kaufleute in den Vertragshäfen hinweg - umfangreiche Regierungsaufträge an ausländische Industrieunternehmen erteilt wurden.


Schumacher beginnt seinen Bericht über den Besuch in Tokio mit Anmerkungen dazu, dass es bei den dort lebenden Deutschen zwei Gruppen gegeben habe, zum einen die Vertreter größerer deutscher Industrieunternehmen, die unmittelbare Lieferungen an die japanische Regierung machten, zum anderen die Professoren und anderen Sachverständigen im Dienste der japanischen Regierung; zwischen diesen beiden Gruppen und den Japaner bestanden nach seinem Eindruck vielfältige gesellschaftliche Beziehungen. Vgl. zur Rolle der ausländischen Berater in Japan während der Meiji-Restauration: Meißner, Strategische Experten.


Kein Besuch in Japan hat mir solchen Eindruck gemacht, wie der beim Praesidenten der Tokyoer Handelskammer Shibusawa. Er empfing mich in seinem schönen Haus, in dem alles streng japanisch eingerichtet war. Der Hausherr sass in der Tracht seines Landes mit untergeschlagenen Beinen und blossen Füssen auf einer etwas erhöhten Matte; und das einzige nicht in die Umgebung hineinpassende Möbel war der für den ungelenken Europäer bestimmte Stuhl. Shibusawa war ein Mann von der Durchschnittsgrösse des Japaners, aber mit ungewöhnlich breiter Stirn, die mir vor Allem auf Energie zu deuten schien. Auch war sein bisheriger Lebenslauf bezeichnend. Er hatte sich ursprünglich der Beamtenlaufbahn gewidmet und es in kurzer Zeit zum Stellvertreter des Finanzministers gebracht; dann aber kam er zur Erkenntnis, dass es vor allem nötig sei, das Wirtschaftsleben in Japan zu entwickeln. So wurde er Kaufmann. Er widmete sich besonders dem Bankwesen, wurde in der 1883 gegründeten Zentralnotenbank (Nippon Ginko), der Haupthandelsbank (Yokohama Specie Bank) sowie in der führenden Industrie-Bank Praesident oder einer der Leiter und kam von da aus auch in die Direktion der grossen Schiffahrtsgesellschaft Nippon Yusen Keisha und anderer grosser Unternehmungen. Er wurde der Rothschild oder Morgan Japans genannt. Das wusste ich noch nicht, als ich ihn besuchte. Die Unterredung, die in englischer Sprache vor sich ging, konzentrierte sich daher auf Korea. Ich erzählte, wie schwierig es gewesen sei, von Tschemulpo nach Seul zu gelangen, und war erstaunt, wie stark Shibusawas Interesse für Korea war. Es sollte anscheinend eine Art Musterbeispiel für japanische Kolonisationsarbeit werden. Dem Wort ist die Tat auch gefolgt. Mit nordamerikanischer Hilfe wurde die Eisenbahn von Tschemulpo nach Seul gebaut. Mit der Konzession der Eisenbahn wurde das Recht verbunden, an allen Haltestellen japanische Siedlungen anzulegen; das war der Anfang einer systematischen Kolonisation. Die auf koreanischem Boden gewonnenen Erfahrungen wurden dann auf die an Bodenschätzen reiche Mandschurei übertragen. Sie wurde zum Hauptgebiet der japanischen Schwerindustrie entwickelt. Wenn ich später davon hörte, was die Japaner im grossen Nachbargebiet von Korea machten, habe ich immer an den Besuch bei Shibusawa, dem Bahnbrecher der japanischen Kolonialpolitik, denken müssen. Er bildete ein interessantes Gegenstück zur Einladung beim Praesidenten der chinesischen Handelskammer in Hongkong, Hoamei. Zwischen beiden bestand ein grundliegender Unterschied insofern, als der Chinese von den praktischen Möglichkeiten, der Japaner von den erstrebten Zielen ausging, jener rein individualistisch dachte, dieser als Vertreter seines Volkes.

Eine zweite Bekanntschaft stand zum Besuch beim Praesidenten Shibusawa in schärfstem Gegensatz: ein ungewöhnlich stattlicher, jüngerer Mann in eleganter europäischer Kleidung, der sich auf einer Universität in den Vereinigten Staaten mit der englischen Sprache auch amerikanische Art vollendet angeeignet hatte. Hayakawa war ein Vertreter des dreihundert Jahre alten Handelshauses der Mitsui und wahrscheinlich auch Angehöriger einer der elf Mitsui-Familien, die diesen grössten Konzern des Landes bildeten. Durch ihn erfuhr ich Einiges über seine Organisation, die wohl nur in einem Lande denkbar ist, in dem der Ahnenkult noch eine Macht im Leben darstellt. Die Grundlage war noch immer das Testament des Gründers. Seinen Bestimmungen gemäss wurde aus der weiten Verwandtschaft der Praesident des Konzerns gewählt. Zur Macht war die Mitsui-Familie – ähnlich wie so manche Familie auch in Europa – dadurch gekommen, dass sie die Hofbankiers der Shogune wurden und dadurch auch den Handel mit den Holländern auf der Insel Deshima mit in die Hand kam. Daraus wuchs zunächst die Mitsui Bank und später auch noch die Mitsui-Handelsgesellschaft (Mitsui Bussan Kaisha) hervor, die den Kern des ganzen Konzerns bilden. Die Bank beschränkte sich nicht darauf, andere Unternehmungen zu finanzieren; sie hatte auch eigene Betriebe, wie eine Baumwoll-Fabrik und eine Papier-Fabrik ins Leben gerufen. Die Handelsgesellschaft verfolgte damals immer deutlicher das Ziel, Japan so weit wie möglich vom fremden Kaufmann unabhängig zu machen. Sie hatte daher auch angefangen, systematisch ihre Tätigkeit über den ganzen Erdball auszudehnen. Näheres über diesen grossen Konzern, der in Japan keinen Fremden anstellte, zu erfahren, gelang mir, trotz der interessanten Bekanntschaften nicht. Dasselbe galt in erhöhtem Masse vom zweitgrössten Familienkonzern in Japan, dem bereits genannten der Mitsubishi. Ueber die Mitsui-Familie drang allerhand in die Oeffentlichkeit, über die Mitsubishi Familie habe ich nie etwas erfahren können. Mit einem Familienbetrieb ist immer viel Geheimnis verbunden und in Japan wohl besonders.

Auch eine dritte japanische Bekanntschaft erscheint mir heute bemerkenswert. Ich war – ich weiss nicht mehr warum – vom Privatsekretär des japanischen Ministerpraesidenten Grafen Ito allein zum Lunch eingeladen und habe bei ihm meine erste rein japanische Mahlzeit mit Esstäben eingenommen, obwohl der Gastgeber europäisch eingerichtet war. Er war ein gewandter Diplomat und vollendeter Hofmann. Die Unterhaltung war mehr Konversation als ein ergiebiges Gespräch. Sie offenbarte ein starkes Interesse der Regierung an der wirtschaftlichen Entwicklung, ein Interesse, dass mir nicht nur das eines Beobachters zu sein schien. Ich legte mir daher die Frage vor, ob Japan vielleicht an der Schwelle eines Merkantilzeitalters stehe, also einer Zeit, in der sich der Staat selbst wegen unzureichender Entwicklung des Unternehmertums der Befriedigung dringender wirtschaftlicher Bedürfnisse widmen müsse; doch glaubte ich diese Frage, allein schon im Hinblick auf die genannten beiden großen Familienkonzerne, nur bedingt bejahen zu können. Es wurden unzweifelhaft in der Hauptstadt allerhand Geschäfte über die Köpfe der Kaufleute in den Vertragshäfen hinweg mit der japanischen Regierung, wie in China mit einzelnen Vizekönigen, geschlossen, was eine Einengung der Tätigkeit auch für unsere Kommission bedeutete; von dem Ausmass, in dem das in Zukunft geschehen sollte, war eine richtige Vorstellung damals nicht zu gewinnen. Erst später ist der volle Zusammenhang mir klar geworden. Japan hatte eine grosse Kriegsentschädigung durch seinen siegreichen Feldzug gegen China erhalten.1 Damit war der Staat mit einem Schlag die grösste Kapitalmacht des Landes geworden. Er musste sich hinfort ganz anders als bisher mit Wirtschaftsfragen beschäftigen, sowohl wenn er private Unternehmungen wie die genannten Familienbetriebe unterstützte, als auch wenn er eigene Betriebe mit ausländischer Hilfe ins Leben rief. Der Friedensschluss von Schimonosecki gab Veranlassung, sich mit allen Mitteln wirtschaftlich zu kräftigen, unter möglichster Vermeidung öffentlicher Erörterungen. Diese Sachlage dämmerte mir erst zum Schluss der Reise auf. Gewiss wurde in Japan damals Mancherlei mit unzureichenden Kräften unternommen. Das trat in den Vordergrund. Was im Stillen vorbereitet wurde, war wichtiger. Darüber war Näheres nicht zu erfahren.

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