|1. Blatt, 310a, Vorderseite|
Schumacher beginnt
seinen Bericht über den Besuch in Tokio mit Anmerkungen dazu, dass es bei den dort lebenden
Deutschen zwei Gruppen gegeben habe, zum einen die Vertreter größerer
deutscher Industrieunternehmen, die unmittelbare Lieferungen an die
japanische Regierung machten, zum anderen die Professoren und anderen
Sachverständigen im Dienste der japanischen Regierung; zwischen diesen
beiden Gruppen und den Japaner bestanden nach seinem Eindruck vielfältige
gesellschaftliche Beziehungen. Vgl. zur Rolle der ausländischen Berater in
Japan während der Meiji-Restauration: Meißner, Strategische
Experten.
Kein Besuch in Japan hat mir solchen Eindruck gemacht, wie der beim Praesidenten der Tokyoer Handelskammer Shibusawa. Er empfing mich in seinem schönen Haus, in dem alles streng japanisch eingerichtet war. Der Hausherr sass in der Tracht seines Landes mit untergeschlagenen Beinen und blossen Füssen auf einer etwas erhöhten Matte; und das einzige nicht in die Umgebung hineinpassende Möbel war der für den ungelenken Europäer bestimmte Stuhl. Shibusawa war ein Mann von der Durchschnittsgrösse des Japaners, aber mit ungewöhnlich breiter Stirn, die mir vor Allem auf Energie zu deuten schien. Auch war sein bisheriger Lebenslauf bezeichnend. Er hatte sich ursprünglich der Beamtenlaufbahn gewidmet und es in kurzer Zeit zum Stellvertreter des Finanzministers gebracht; dann aber kam er zur Erkenntnis, dass es vor allem nötig sei, das Wirtschaftsleben in Japan zu entwickeln. So wurde er Kaufmann. Er widmete sich besonders dem Bankwesen, wurde in der 1883 gegründeten Zentralnotenbank (Nippon Ginko), der Haupthandelsbank (Yokohama Specie Bank) sowie in der führenden Industrie-Bank Praesident oder einer der Leiter und kam von da aus auch in die Direktion der grossen Schiffahrtsgesellschaft Nippon Yusen Keisha und anderer grosser Unternehmungen. Er wurde der Rothschild oder Morgan Japans genannt. Das wusste ich noch nicht, als ich ihn besuchte. Die Unterredung,|2. Blatt, 310b, Vorderseite| die in englischer Sprache vor sich ging, konzentrierte sich daher auf Korea. Ich erzählte, wie schwierig es gewesen sei, von Tschemulpo nach Seul zu gelangen, und war erstaunt, wie stark Shibusawas Interesse für Korea war. Es sollte anscheinend eine Art Musterbeispiel für japanische Kolonisationsarbeit werden. Dem Wort ist die Tat auch gefolgt. Mit nordamerikanischer Hilfe wurde die Eisenbahn von Tschemulpo nach Seul gebaut. Mit der Konzession der Eisenbahn wurde das Recht verbunden, an allen Haltestellen japanische Siedlungen anzulegen; das war der Anfang einer systematischen Kolonisation. Die auf koreanischem Boden gewonnenen Erfahrungen wurden dann auf die an Bodenschätzen reiche Mandschurei übertragen. Sie wurde zum Hauptgebiet der japanischen Schwerindustrie entwickelt. Wenn ich später davon hörte, was die Japaner im grossen Nachbargebiet von Korea machten, habe ich immer an den Besuch bei Shibusawa, dem Bahnbrecher der japanischen Kolonialpolitik, denken müssen. Er bildete ein interessantes Gegenstück zur Einladung beim Praesidenten der chinesischen Handelskammer in Hongkong, Hoamei. Zwischen beiden bestand ein grundliegender Unterschied insofern, als der Chinese von|3. Blatt, 311, Vorderseite| den praktischen Möglichkeiten, der Japaner von den erstrebten Zielen ausging, jener rein individualistisch dachte, dieser als Vertreter seines Volkes.
Eine zweite Bekanntschaft stand zum Besuch beim Praesidenten Shibusawa in schärfstem Gegensatz: ein ungewöhnlich stattlicher, jüngerer Mann in eleganter europäischer Kleidung, der sich auf einer Universität in den Vereinigten Staaten mit der englischen Sprache auch amerikanische Art vollendet angeeignet hatte. Hayakawa war ein Vertreter des dreihundert Jahre alten Handelshauses der Mitsui und wahrscheinlich auch Angehöriger einer der elf Mitsui-Familien, die diesen grössten Konzern des Landes bildeten. Durch ihn erfuhr ich Einiges über seine Organisation, die wohl nur in einem Lande denkbar ist, in dem der Ahnenkult noch eine Macht im Leben darstellt. Die Grundlage war noch immer das Testament des Gründers. Seinen Bestimmungen gemäss wurde aus der weiten Verwandtschaft der Praesident des Konzerns gewählt. Zur Macht war die Mitsui-Familie – ähnlich wie so manche Familie auch in Europa – dadurch gekommen, dass sie die Hofbankiers der Shogune wurden und dadurch auch den Handel mit den Holländern auf der Insel Deshima mit in die Hand kam. Daraus wuchs zunächst die Mitsui Bank und später auch noch die Mitsui-Handelsgesellschaft (Mitsui Bussan Kaisha) hervor, die den Kern des ganzen Konzerns bilden. Die Bank beschränkte sich nicht darauf, andere Unternehmungen zu finanzieren; sie hatte auch eigene Betriebe, wie eine Baumwoll-Fabrik und eine Papier-Fabrik ins Leben gerufen. Die Handelsgesellschaft verfolgte damals immer deutlicher das Ziel, Japan so weit wie möglich vom fremden Kaufmann unabhängig zu machen. Sie hatte daher auch angefangen, systematisch ihre Tätigkeit über den ganzen Erdball|4. Blatt, 312, Vorderseite| auszudehnen. Näheres über diesen grossen Konzern, der in Japan keinen Fremden anstellte, zu erfahren, gelang mir, trotz der interessanten Bekanntschaften nicht. Dasselbe galt in erhöhtem Masse vom zweitgrössten Familienkonzern in Japan, dem bereits genannten der Mitsubishi. Ueber die Mitsui-Familie drang allerhand in die Oeffentlichkeit, über die Mitsubishi Familie habe ich nie etwas erfahren können. Mit einem Familienbetrieb ist immer viel Geheimnis verbunden und in Japan wohl besonders.
Auch eine dritte japanische Bekanntschaft erscheint mir heute bemerkenswert. Ich war – ich weiss nicht mehr warum – vom Privatsekretär des japanischen Ministerpraesidenten Grafen Ito allein zum Lunch eingeladen und habe bei ihm meine erste rein japanische Mahlzeit mit Esstäben eingenommen, obwohl der Gastgeber europäisch eingerichtet war. Er war ein gewandter Diplomat und vollendeter Hofmann. Die Unterhaltung war mehr Konversation als ein ergiebiges Gespräch. Sie offenbarte ein starkes Interesse der Regierung an der wirtschaftlichen Entwicklung, ein Interesse, dass mir nicht nur das eines Beobachters zu sein schien. Ich legte mir daher die Frage vor, ob Japan vielleicht an der Schwelle eines Merkantilzeitalters stehe, also einer Zeit, in der sich der Staat selbst wegen unzureichender Entwicklung des Unternehmertums der Befriedigung dringender wirtschaftlicher Bedürfnisse widmen müsse; doch glaubte ich diese Frage, allein schon im Hinblick auf die genannten beiden großen Familienkonzerne, nur bedingt bejahen zu können. Es wurden unzweifelhaft in der Hauptstadt allerhand|5. Blatt, 313, Vorderseite| Geschäfte über die Köpfe der Kaufleute in den Vertragshäfen hinweg mit der japanischen Regierung, wie in China mit einzelnen Vizekönigen, geschlossen, was eine Einengung der Tätigkeit auch für unsere Kommission bedeutete; von dem Ausmass, in dem das in Zukunft geschehen sollte, war eine richtige Vorstellung damals nicht zu gewinnen. Erst später ist der volle Zusammenhang mir klar geworden. Japan hatte eine grosse Kriegsentschädigung durch seinen siegreichen Feldzug gegen China erhalten. Damit war der Staat mit einem Schlag die grösste Kapitalmacht des Landes geworden. Er musste sich hinfort ganz anders als bisher mit Wirtschaftsfragen beschäftigen, sowohl wenn er private Unternehmungen wie die genannten Familienbetriebe unterstützte, als auch wenn er eigene Betriebe mit ausländischer Hilfe ins Leben rief. Der Friedensschluss von Schimonosecki gab Veranlassung, sich mit allen Mitteln wirtschaftlich zu kräftigen, unter möglichster Vermeidung öffentlicher Erörterungen. Diese Sachlage dämmerte mir erst zum Schluss der Reise auf. Gewiss wurde in Japan damals Mancherlei mit unzureichenden Kräften unternommen. Das trat in den Vordergrund. Was im Stillen vorbereitet wurde, war wichtiger. Darüber war Näheres nicht zu erfahren.
…
GNN HAGermanisches Nationalmuseum Nürnberg, Historisches Archiv
GNN HAGermanisches Nationalmuseum Nürnberg, Historisches ArchivNachlass Hermann Schumacher I, B-6
MITSUI-Konzern, JapanDer Familie MITSUI, die
zu den traditionsreichen japanischen Kaufmannsfamilien zählt, gelang in
der Zeit der Meiji-Restauration ein Familienunternehmen zu begründen,
das nicht nur im Bankgeschäft und im Handel tätig war, sondern auch eigene Bergwerke unterhielt,
eine sogenannte Zaibatsu. Erst 1892 kam es zur endgültigen Trennung von Familie und den
eigentlichen Geschäftbereichen, die nun sämtlich als Partnerschaften
mit beschränkter Haftung
konstituiert wurden, darunter die schon 1876 gegründete Mitsui & Co. Ltd., in der die
Handelsaktivitäten gebündelt wurden. Die Gesamtleitung übernahm als
Generalmanager NAKAMIGAWA Hikojirō. Er strebte größere Unabhängigkeit von
Regierungsaufträgen an und begann, forciert in industrielle
Unternehmungen zu investieren. Oberhaupt der Familie war von 1900 bis 1945
MITSUI Takaharu, der als ein Deutschland sehr verbundenen Mann galt. Aus der Zaibatsu ging zwischen
1947 und 1950 die Mitsui-Keiretsu hervor, die heute als Mitsui Group
international tätig ist. Ein knappes Unternehmensporträt findet sich in:
Japan. An Illustrated
Encyclopedia
, S. 982–984. Vgl. außerdem:
Russell, Das Haus
Mitsui
;
Roberts, Mitsui
.
Mitsubishi-Konzern, JapanDer Mitsubishi-Konzern, benannt nach den „drei Rauten“ des Firmensignets, geht auf eine Eisengießerei und Werft zurück, die 1857 in Dejima bei Nagasaki von dort ansässigen Niederländern gegründet wurde, 1868 teilweise in staatliche Hand überging und 1870 von IWASAKI Yatarō (1835–1885) um eine private Schifffahrtsgesellschaft erweitert wurde. Auch wenn der Einfluß der Familie IWASAKI auf die Unternehmensgruppe weiter wuchs, kam 1873 der abstrakte Firmenname Mitsubishi in Gebrauch und setzte sich durch. Seit 1885 geleitet von IWASAKI Yanosuke, des jüngeren Bruders von IWASAKI Yatarō, wurde der Konzern immer weiter ausgebaut, nicht zuletzt durch die Dampfschiffahrtsgesellschaft Nippon Yūsen Kaisha, aber auch Bergbaubetriebe und Banken. Vgl.
Japan. An Illustrated Encyclopedia
, S. 642, 980.
Nippon Ginkō, Tokio; auch: Bank von JapanDie Bank von Japan wurde 1882 durch den Zusammenschluss der vier, nach der 1871 erfolgten Einführung des Yen als einheitlicher Währung ins Leben gerufenen japanischen Nationalbanken gegründet und zog nun das Privileg zur Notenausgabe an sich. Sie war eine halbstaatliche Einrichtung, an der auch privates Kapital beteiligt war. Das wichtigstes Ziel der neu etablierten Zentralbank bestand darin, die Inflation zu dämpfen, die von den vier Nationalbanken durch großzügige Ausgabe nichtkonvertierbarer Banknoten beflügelt worden war. Die Bank von Japan emittierte erstmals im Mai 1885 eigene Banknoten. 1897 übernahm sie die Verpflichtung, Banknoten in Gold einzutauschen, übernahm also den Goldstandard. Neben der neuen Zentralbank bestand die 1879 etablierte Yokohama Specie Bank (Yokohama Shōkin Ginkō) weiter, die sich der Finanzierung des Außenhandels widmete; sie unterhielt eine Niederlassung in London, die als japanische Zentralbank in Europa fungierte. Vgl.
TAMAKI, Japanese Banking
.
Yokohama Specie Bank (Yokohama Shōkin Ginkō), YokohamaDie 1879 gegründete Yokohama Specie Bank, an der zu zwei Dritteln privates Kapital beteiligt war, widmete sich der japanischen Außenhandelsfinanzierung und wurde dabei durch die 1882 gegründete Bank von Japan (Nippon Ginkō) unterstützt, etwa durch die Rediskontierung von Auslandswechseln zu besonders günstigen Bedingungen. Seit 1897 oblag der Yokohama Specie Bank die exklusive Abwicklung und Aufsicht über den japanischen Außenwirtschaftsverkehr. Ihre Niederlassung in London fungierte als japanische Zentralbank in Europa, außerdem erhielt die Bank das Recht, in ihren Niederlassungen in China eigene Banknoten auszugeben, die in Tael oder Dollar denominiert waren. Sie war außerdem bis 1917 in Hongkong, Britisch-Indien, Britisch-Burma, Niederländisch-Indien, Australien, den USA und Südamerika mit zahlreichen Niederlassungen und Agenturen vertreten. Vgl.
TAMAKI, Yokohama Specie Bank
;
Horesh, Competing Imperial Banking
.
Meißner
, Kristin: Strategische Experten. Die
imperialpolitische Rolle von ausländischen Beratern in Meiji-Japan
(1868–1912), Frankfurt am Main 2018
Meißner
, Strategische Experten
2018
Handelskammer Tokio
Chinesische Handelskammer Hongkong
Regierung Japans
Ostasien; auch: East Indies (englisch), Indien, Ostindien, „Osten“Der Begriff Ostasien wird in der vorliegenden Edition in einem ganz weiten Sinne verstanden als Klammer für diejenigen Weltregionen, die für deutsche Kaufleute im langen 19. Jahrhundert auf Segel- und Dampfschiffen durch Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung an der Südspitze Südafrikas oder - seit 1869 - nach Durchfahren des Suezkanals über den Indischen Ozean oder durch Umrundung der Südspitze Südamerikas über den Pazifik erreichbar waren. In den historischen Quellen synonym verwendet werden die Begriffe Indien, Ostindien oder einfach „Osten“.
Tokio [Stadt in Japan]; auch: Edo (bis 1868), Jedo (bis 1868), Jeddo (bis 1868), Tokyo, Yeddo (bis 1868)
Japan; auch: Japon (französisch), Jappan
Korea
China; auch: chinesisches Kaiserreich, chinesisches Reich, chinesische Republik, Reich der Mitte
Chemulpo [Stadt in Korea]; auch: Tschemulpo
Seoul [Stadt in Korea]; auch: Seul
Vereinigte Staaten von Amerika; auch: United States (US), United States of America (USA), Vereinigte Staaten von Nordamerika
Mandschurei; auch: Manzhou (Pinyin)Die Mandschurei, eine Landschaft im Nordosten Chinas, war im 19. Jahrhundert und 20. Jahrhundert eine zwischen China, Russland und Japan heftig umstrittene Region.
Europa; auch: Europe (englisch)
Dejima [künstlich angelegte Insel in der Bucht von Nagasaki, Japan]; auch: Decima
ITŌ Hirobumi (seit 1884: Graf)ITŌ HirobumiPolitiker, Staatsmann11909648X16.10.184126.10.1909ITŌ Hirobumi war ein einflussreicher Reformpolitiker der Meiji-Restauration und amtierte mehrfach als japanischer Ministerpräsdient, zuerst von Dezember 1885 bis April 1888, dann von August 1892 bis September 1896, erneut von Januar bis Juni 1898 und schließlich nochmals von Oktober 1900 bis Mai 1901. Nach dem Russisch-Japanischen Krieg (1904–1905) übernahm ITŌ Hirobumi das Amt des Generalresidenten im japanisch besetzten Korea. 1909 wurde er von einem koreanischen Nationalisten erschossen. Vgl.
Hunter, Concise Dictionary
, S. 74f.
Bankier; auch: banker (englisch), Banquier, merchant banker (englisch), Privatbankier
Russisch-Japanischer Krieg (1904–1905)Der mit einem japanischen Angriff auf den Hafen von Port Arthur ausgelöste Russisch-Japanische Krieg von 1904–1905, dem langjährige Spannungen zwischen beiden Ländern wegen ihres umstrittenen Einflusses auf Korea und den Nordosten Chinas vorausgingen, brachte für das russische Zarenreich schwere Niederlagen mit sich, von denen die Landschlacht am chinesisch-koreanischen Grenzfluss Yalu im Frühjahr 1905 hervorzuheben ist, denn hier erzielten die japanischen Truppen einen ersten wichtigen Durchbruch in Richtung Westen. Im weiteren Kriegsverlauf drangen sie dann bis weit in die Mandschurei vor. Mit dem Vertrag von Portsmouth vom 5. September 1905 konnte der Russisch-Japanische Krieg, der als erster Sieg einer asiatischen Macht über eine europäische Großmacht in die Geschichte einging, beendet werden. Die autokratische Herrschaft des Zaren wurden durch diesen Krieg schwer erschüttert. Vgl.
Lensen, Balance of Intrigue
;
Nish, The Russo-Japanese War
;
Connaughton, Rising Sun and Tumbling Bear
;
Steinberg/Wolff, Russo-Japanese War
;
Sprotte/Seifert/Löwe, Der Russisch-Japanische Krieg
.
Kolonialpolitik, japanische
Bank; auch: Aktienbank, Bankenwelt, Bankgeschäft, Bankhaus, banking operations (englisch), Geldgeber, Geldinstitut, Geschäftsbank, Großbank, Investmentbank, issuing bank (englisch), merchant bank (englisch), Privatbankhaus
MerkantilismusAls Merkantilismus bezeichnet man eine staatliche Wirtschafts- und Finanzpolitik (oder die von einer solchen Politik geprägte Epoche), die darum bemüht war, möglichst viele Waren im eigenen Land zu produzieren und auch zu exportieren, aber möglichst wenig Waren aus dem Ausland zu importieren, also eine positive Leistungsbilanz zu erzielen. Als Mittel zu diesem Zweck wurden die Vereinheitlichung der Währungsverhältnisse, das Vermeiden von Geldabflüssen in s Ausland, die Beseitigung von Binnenzöllen und Zunftprivilegien, die Förderung von Handwerk, Gewerbe und Manufakturen sowie nicht zuletzt die Förderung des Bevölkerungswachstums zum Aufbau eines starken Arbeitskräftepotenzials bei gleichzeitig neidrigem Lohnniveau betrachtet. Viele absolutistische Herrscher des 17. und 18. Jahrhunderts versprachen sich von einer solchen Wirtschafts- und Finanzpolitik steigende Einnahmen, die zur Mehrung ihres Reichtums und zur Finanzierung ihrer wachsenden Staatshaushalte beitragen sollten. - Vgl.
Heckscher, Merkantilismus
;
Rothermund, Europa und Asien
;
Wallerstein, Der Merkantilismus
;
Gömmel, Zeitalter des Merkantilismus
.
Kaufleute, fremde; auch: ausländische Firmen, ausländische Kaufleute, ausländische Unternehmen, fremde Firmen, fremde Unternehmen
Hafen; auch: free port (englisch), Freihafen, port (englisch), VertragshafenHäfen spielten für den Handel mit und in Ostasien im langen 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle, zum einen als „Freihäfen“, wie zum Beispiel Singapur, in denen Waren ein- und ausgeführt werden konnten, ohne mit Zöllen belastet oder durch nichttarifäre Handelshemnisse beschränkt zu werden, zum anderen - und das war die häufigere Form - als „Vertragshäfen“, die zumeist nicht freiwillig, sondern unter Androhung von militärischer Gewalt oder auch erst nach einer militärischen Niederlage von den betreffenden Territorialstaaten, vor allem China und Japan, für den internationalen Handel geöffnet wurden. Dies geschah in der Regel auf der Basis eines mehr oder weniger erzwungenen Handelsvertrages, der keine gleichen Rechte für die Vertragspartner vorsah, sondern in erster Linie den Interessen der ausländischen imperialen Mächte entsprach und deshalb als Ungleicher Vertrag bezeichnet wurde. Über die Vertragshäfen wurde in China, Japan und anderen Ländern Ostasiens eine kommerzielle Revolution mit tiefgreifenden Veränderung für alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft in Gang gesetzt. Vgl.
Fairbank, Trade and Diplomacy
;
HAO, Commercial Revolution
;
Hoare, Japan‛s Treaty Ports
;
So/MyersTreaty Port Economy
;
Bickers/Jackson, Treaty Ports
;
Brunero/Villalta Puig, Life in Treaty Port China and Japan
.
Regierungsaufträge, japanische
Europäer, Europäerin; auch: Westländer
Japaner; auch: Japanesen, japanische Unterthanen
Finanzminister, japanischer
Dampfschiff; auch: Dampfbarkasse, Dampfboot, Dampfer, steamboat (englisch), steamer (englisch)
Eisenbahn; auch: Eisenbahnbau, Eisenbahngesellschaft, Eisenbahnlinie, Eisenbahnprojekt, Eisenbahnschienen, Eisenbahnschwellen, Eisenbahnverwaltung, Eisenbahnwerkstätte, Eisenbahnwesen, line (englisch), moderne Verkehrseinrichtung, railway (englisch), rollendes Material, rolling stock (englisch)
Industrialisierung Japans
Chinesen; auch: Chinese (englisch)
Unternehmerfamilie; auch: Bankiersfamilie, Kaufmannsfamilie, Schifferfamilie
Niederländer; auch: Dutch (englisch), Holländer
Papierfabrik; auch: Papiermühle
Diplomat; auch: diplomatischer Agent, chargé d‛affaires (französisch)
Unternehmergeist; auch: ondernemingsgeest (niederländisch)
Generalgouverneur, chinesischer (Provinzebene); auch: Gouverneur, Vice-König, Vizekönig
Erster Chinesisch-Japanischer Krieg (1894–1895)Hintergrund des Ersten Chinesisch-Japanischen Krieges waren schon länger bestehende Spannungen zwischen China und Japan um den jeweiligen Einfluss auf Korea. Seit 1875 formal eine eigenständige Monarchie, an deren Spitze König Gojongg (1852–1919) aus dem Hause der Joseon-Dynastie stand, unterhielt Korea traditionelle Tributbeziehungen zu China, die jedoch von Reformkräften im eigenen Land zunehmend kritisch gesehen wurden; diese suchten eine stärke Anbindung an Japan, das sich zu einem modernen Industriestaat zu wandeln begbegann. 1876 hatte Japan einen Handelsvertrag mit Korea erzwungen und das Nachbarland damit – ähnlich wie die Europäer zuvor China und Japan – zu einem Gegenstand der Machtpolitik ausländischer Staaten gemacht. Während König Gojong bei seinen Reformbemühungen den Empfehlungen des chinesischen Vizekönigs LI Hongzhang folgte, westliche Mächte in die Entwicklung Koreas einzubeziehen, um eine Annexion des Landes durch Japan zu unterbinden, wollte Japan unbedingt verhindern, durch die Schwäche Chinas auf die Dauer mit der Dominanz fremder Großmächte in Ostasien konfrontiert zu sein und war statt dessen bestrebt, selbst zur ostasiatischen Hegemonialmacht aufsteigen. Als König Gojong im Juni 1894 chinesische Truppen um Unterstützung bei der Niederschlagung des so genannten Donghak-Aufstandes im eigenen Lande bat, ohne die Japaner vorab zu informieren, wie er ihnen in einem Abkommen zugesichert hatte, nutzte Japan den Vorfall als willkommenen Anlass, nun ebenfalls Truppen nach Korea zu entsenden, von denen die ersten noch im Juni 1894 bei Seoul und Chemulpo landeten, den koreanischen Königspalast besetzten und König Gojong gefangen nahmen. Im Juli 1894 setzten sie eine neue pro-japanische koreanische Regierung ein, die jedoch von China nicht anerkannt wurde, zumal sie begann, Chinesen gewaltsam aus Korea zu vertreiben. Daraufhin erklärte Japan am 1. August 1894 China auch förmlich den Krieg, den die gut ausgerüstete japanische Armee in mehreren Schlachten, bei denen sie bis in die chinesische Mandschurei und auf die Halbinsel Liaodong vorstießen, gewann. China gab sich geschlagen und unterzeichnete am 17. April 1895 den Vertrag von Shimonoseki, durch den der Krieg beendet wurde. Das schmachvoll unterlegene China musste nicht nur die starke Präsenz Japans in Korea akzeptieren, sondern u. a. die Insel Taiwan an Japan abtreten und hohe Entschädigungszahlungen an die Sieger leisten. - Zur Geschichte Koreas und den chinesisch-koreanischen Beziehungen:
Seth, History of Korea
;
Larson, Tradition, Treaties and Trade
. Zu Vorgeschichte, Verlauf und Folgen des Ersten Chinesisch-Japanischen Krieges:
Lensen, Balance of Intrigue
;
Beasley, Japanese Imperialism
;
Wippich, Japan und die deutsche Fernostpolitik
;
Paine, Sino Japanese War
;
Paine, Japanese Empire
.
Kapital; auch: Aktienkapital, Bankkapital, Capital, Einschuß, Gesellschaftskapital, Privat-Capital, Stamm-Capital, working capital (englisch)
Vertrag von Shimonoseki (17. April 1895)Mit dem Vertrag von Shimonoseki vom 17. April 1895 konnte der Erste Chinesisch-Japanische Krieg (1894–1895) beeendet werden. Der Vertrag bekräftigte zwar Koreas formale Selbständigkeit, doch de facto unterlag es nun stärkerem japanischen Einfluss als jemals zuvor. Außerdem musste China die östliche Mandschurei einschließlich der Halbinsel Liaodong und die Insel Taiwan mit vorgelagerten kleineren Inseln an Japan abtreten. Japan konnte darüber hinaus die Öffnung von vier weiteren chinesischer Häfen durchsetzen, in denen es künftig auch industrielle Unternehmen gründen durfte. Überdies wurden China exorbitant hohe Entschädigungszahlungen in Höhe von 200 Millionen Taels auferlegt, die in Gold bezahlt werden sollten, das China nicht besaß, sondern einkaufen musste. Der dementsprechend hohe Finanzierungsbedarf führte dazu, dass China nun vermehrt Staatsanleihen auf den internationalen Kapitalmärkten aufnahm. Da das jedoch bei Weitem nicht ausreichte, um die verlangte Entschädigungssumme aufzubringen, sah sich China zu einem regelrechten Ausverkauf des eigenen Landes an ausländische Investoren gezwungen, die Konzessionen für Eisenbahnlinien, Bergbau- und andere Industriebetriebe erwerben wollten. Deutschland, Russland und Frankreich wiederum zwangen Japan unmittelbar nach dem Friedensschluss von Shimonoseki durch eine gemeinsame diplomatische Intervention unter Kriegsandrohung zur Rückgabe der Halbinsel Liaodong an China. Sie taten dies, um den Aufstieg Japans zu einer asiatischen Großmacht zu bremsen, verprellten damit aber sowohl Japan als auch China, das nicht nur weitere 30 Millionen Taels Entschädigung an Japan zahlen musste, sondern sich außerdem mit der Forderung nach gewissen politischen Gegenleistungen für die Intervention konfrontiert sah. Als diese Gegenleistungen nicht freiwillig gewährt wurden, entsandte beispielsweise das Deutsche Reich im November 1897 Kriegsschiffe, um die Bucht von Kiautschou zu besetzen und erzwang auf diese Weise im März 1898 den Abschluss eines Pachtvertrages für das gesamte Gebiet der Bucht sowie die beiden Halbinseln an deren Eingang auf 99 Jahre. In China wurde dieses Vorgehen als ein tiefer Bruch in der bisher nicht auf militärische Gewalt setzenden Politik Deutschlands gewertet. Vgl.
Japan. An Illustrated Encyclopedia
, S. 1373;
Lensen, Balance of Intrigue
;
Wippich, Japan und die deutsche Fernostpolitik
, S. 129–145.