„Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten“, so spottete Kurt Tucholsky 1931, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, über die akademische Nationalökonomie.1 Diese bediene sich zwar eleganter Begriffe, trage aber wenig zur Lösung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes bei. Sie sei „die Metaphysik des Pokerspielers“. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten Deutschlands in den 1930er Jahren wurden aber nicht durch die damals in der Tat häufig ratlos wirkende akademische Nationalökonomie begründet,2 sondern resultierten gerade daher, dass die internationalen Wirtschaftsbeziehungen in kürzester Zeit fast vollständig zusammengebrochen waren. Deutschlands Problem in den 1930er Jahren war gerade die Entkopplung und Entflechtung der Weltwirtschaft.
Dabei waren und sind die Zusammenhänge der internationalen Wirtschaft und ihre Folgen komplex. Je nach gesellschaftlicher Position und ökonomischer Tätigkeit hatte und hat ein vollständiger Zusammenbruch der Weltwirtschaft wie in den 1930er Jahren sehr unterschiedliche Folgen für eine Familie oder ein Unternehmen. Politikerinnen und Politiker haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie mit diesen Folgen umzugehen ist. Diese Vielgestaltigkeit der Wirkungen weltwirtschaftlicher Verflechtungen soll mit der hier begonnenen Quellenedition Rechnung getragen werden. Auf der Grundlage von aufwändig ausgewählten Quellentexten wird für den Zeitraum von den Napoleonischen Kriegen bis zur Gegenwart die Rolle des Welthandels und der wirtschaftlichen Verflechtungen für das Leben und die Gesellschaft in Deutschland dokumentiert.
Ein so stark in die Weltwirtschaft verflochtenes Land wie das Deutsche Reich musste die Krise der Weltwirtschaft in den 1930er Jahren in besonderer Weise treffen: Das Land hatte sich noch vor dem Ersten Weltkrieg immer stärker in die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung integriert. Am Vorabend des Krieges wurden Güter im Umfang von 17% des Bruttoinlandsprodukts exportiert (Exportquote). Die Importe machten sogar einen Wert in Höhe von 20% des Bruttoinlandsprodukts aus.3

Das Land importierte Rohstoffe und Nahrungsmittel und verarbeitete diese im Inland mit einem hohen Einsatz an Arbeitskraft und Kapital zu industriellen Fertigwaren und gewerblichen Erzeugnissen, die in aller Welt verkauft wurden. Dreiviertel der Exporte des Deutschen Kaiserreichs wurden an die europäischen Nachbarländer verkauft. Großbritannien war mit einem Anteil von rund 20% an allen Exporten bis zur Jahrhundertwende der wichtigste Absatzmarkt für deutsche Produkte. Die Importe stammten zu etwas mehr als 50% aus Europa, zu einem Viertel vom amerikanischen Doppelkontinent.5 Dieses geographische Muster der deutschen Außenhandelsverflechtung zeigte – abgesehen von kriegsbedingten Strukturbrüchen – eine vergleichsweise stabile Struktur bis zum Ende des 20. Jahrhunderts.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges kam es zu einem ersten tiefen Bruch der weltwirtschaftlichen Verflechtung des Deutschen Reiches. Bei aller Vorsicht der bisher verfügbaren Schätzungen dürften sich schon im Krieg Exporte und Importe etwas mehr als halbiert haben. Durch die internationalen Sanktionen und den Zusammenbruch der inländischen Wirtschaft in den Revolutionsjahren sank der Außenhandel nach dem Krieg zunächst weiter ab. In den 1920er Jahren und insbesondere nach der Währungsstabilisierung erholte sich Deutschlands Außenhandel wieder. Am Vorabend der Weltwirtschaftskrise standen Export- und Importquoten etwa wieder auf dem Niveau der Vorkriegszeit. Der deutsche Welthandelsanteil war dabei kontinuierlich gesunken, genauso wie der Europas insgesamt, weil die Weltwirtschaft außerhalb Europas schneller gewachsen war. Der Transatlantikhandel, vor dem Krieg eine tragende Säule für viele europäische Volkswirtschaften, verlor an Bedeutung. Die Weltwirtschaft hatte sich „dezentralisiert“ (Gerd Hardach). Unter diesen Umständen ist die Geschwindigkeit der Rückverflechtung Deutschlands mit der Weltwirtschaft durchaus beachtlich.6
Die Natur der weltwirtschaftlichen Verflechtung Deutschlands in der Zwischenkriegszeit war aber eine andere als vor dem Krieg. An der Struktur der Importgüter lässt sich das deutlich ablesen: Die Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten war gestiegen und Eisenerz musste schon wegen der kriegsbedingten Gebietsverluste verstärkt importiert werden. Zugleich veränderten sich die Besitzverhältnisse: der Auslandsbesitz deutscher Unternehmen schrumpfte drastisch zusammen, während ausländische Unternehmen insbesondere in der Hyperinflationszeit in Deutschland auf Einkaufstour gegangen waren.7
Hatte es die deutsche Wirtschaft also selbst unter den schwierigen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen bis 1929 geschafft, von den Vorteilen der globalen Arbeitsteilung zu profitieren, brach diese in der Weltwirtschaftskrise innerhalb weniger Jahre fast vollständig zusammen. Die Analysen des Völkerbunds wiesen 1933 einen Niedergang des Gesamtwertes aller monatlich in der Welt gehandelten Güter auf nur noch ein Drittel im Vergleich zum Januar 1929 aus.8 Bei diesen Zahlen, die von Charles Kindelbergers „Geschichte der Weltwirtschaftskrise“ popularisiert worden sind,9 dürfte es sich freilich um eine etwas zu dramatische Schilderung gehandelt haben. Denn ein Großteil des Wertverlust resultierte aus den schnell sinkenden Preisen, während der reale (also mengenmäßige) Gütertransfer weit weniger dramatisch wohl „nur“ um ein Drittel zusammenschmolz. Gleichwohl stellte die Weltwirtschaftskrise den tiefsten und schlimmsten Zusammenbruch des Welthandels in Friedenszeiten im 20. Jahrhundert dar. Höchstens der Zusammenbruch der Sowjetunion war eine vergleichbar tiefe Krise, die in den 1990er Jahren aber eben nicht die gesamte Welt erfasste.10 Selbst in der globalen Finanzkrise 2008 und auch während der Corona-Pandemie 2020 wurde die Weltwirtschaft nicht so schwer getroffen, wie in der Weltwirtschaftskrise.11
Dabei war das Deutsche Reich in besonderer Weise von der Krise betroffen. Die rasche Reintegration in die Weltwirtschaft nach dem Ersten Weltkrieg verkehrte sich fast über Nacht in eine schwere Hypothek. Die Kapitalimporte aus den USA, die den deutschen Unternehmen die nötigen Aufbauinvestitionen ermöglicht hatten, blieben aus. Um die Währung und die Banken zu schützen musste im Juli 1931 der deutsche Kapitalmarkt gegenüber dem Weltmarkt abgeschottet werden, indem das Deutsche Reich zur Devisenbewirtschaftung überging. In einer ohnehin zum Protektionismus neigenden Weltwirtschaft wurde der Außenhandel erheblich erschwert. Die deutsche Wirtschaft war danach gerade nicht mehr mit der Weltwirtschaft „verflochten“. Export- und Importquoten sanken in kürzester Zeit von 15% auf 5% ab.12 Das ging einher mit einer geographischen Neuausrichtung des nun sehr gedämpften deutschen Außenhandels nach Ost- und Südosteuropa.13 Die Sowjetunion übernahm kurzfristig die Rolle des größten deutschen Handelspartners. Nach 1931 war der deutsche Außenhandel nur noch begrenzt flexibel. Politische Ziele und nach 1933 vorrangig die Aufrüstung überformten die Einbindung in die Weltwirtschaft,14 ein Zustand, der unter anderen Vorzeichen letztlich bis 1958 andauerte.
Die Rückverflechtung der Weltwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog sich in atemberaubender Geschwindigkeit. Allerdings umfasste der gerne als „Weltwirtschaft“ beschriebene Verflechtungsraum zunächst nur die westliche Welt, weshalb Kevin O’Rourke und Roland Findlay in ihrem Standardwerk konsequent von einer neuen „atlantic economy“ sprechen.15 Das vermeintliche deutsche Wirtschaftswunder jedenfalls, das maßgeblich von einem rasch wachsenden Güterexport getrieben war, wäre ohne die weltwirtschaftliche Verflechtung nicht möglich gewesen.16 Der bundesdeutsche Export vorwiegend in das westeuropäische Ausland und in die USA wuchs deutlich stärker als das Bruttoinlandsprodukt.17 Nur fünfzehn Jahre nach dem Krieg erreichte die Weltmarktverflechtung der Bundesrepublik wieder das Niveau des Jahrhundertbeginns mit einer Exportquote von 15%. Anfang der 1960er Jahre hatte die Westdeutschland Großbritannien als die nach den USA größte Exportnation auf Platz drei verdrängt. Frankreich war nun der größte Handelspartner der Bundesrepublik mit einem Anteil von 12% aller Exporte am Ende der 1960er Jahre.
Nur in den ersten Nachkriegsjahren sah es so aus, als ob der junge westdeutsche Staat versuchen müsste, durch die Erschließung von Exportmärkten in Südamerika, Afrika und Asien verlorene Marktanteile in Europa zu kompensieren.18 Das blieb aber eine Momentaufnahme und schon in der Mitte der fünfziger Jahre hatte sich das regionale Exportmuster wieder eingestellt, das den deutschen Außenhandel schon am Vorabend des Ersten Weltkrieges geprägt hatte: Zwei Drittel der deutschen Exporte gingen in die (west)europäischen Nachbarstaaten, ein Anteil, der im Zuge der politischen Integration Europas sogar noch anstieg. Aber die Güterstruktur hatte sich fundamental geändert: Die Hälfte der bundesdeutschen Exportwaren stammten seit dem Zweiten Weltkrieg aus dem Bereich des Maschinenbaus, wo der Automobilexport bis in die Gegenwart tonangebend ist. Auf der Importseite verschwand die große Bedeutung der Nahrungsmittelimporte und machte industriellen „Halbfertigwaren“ Platz, Vorprodukten für die deutsche (Export)Industrie. Baumwolle und Garne – später Textilien – gehörten weiterhin zu den wichtigsten Importgütern.
Die weltwirtschaftliche Verflechtung des ostdeutschen Teilstaates blieb hingegen reguliert und eingebettet in die planwirtschaftliche Arbeitsteilung der Staaten des „Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (abgek. „RGW“, engl. COMECON für „Council for Mutual Economic Assistance“). Geographische und strukturelle Muster folgten in der Deutschen Demokratischen Republik daher anderen Grundsätzen und traditionelle Verflechtungen bildeten sich wesentlich schwächer ab. Aber auch die DDR wurde zu einem wichtigen Bestandteil der Arbeitsteilung innerhalb der RGW-Staaten und es begann in diesen Grenzen eine Rückverflechtung mit der sozialistischen Weltwirtschaft.19
Im Verlauf der 1970er Jahre änderte sich das Muster der weltwirtschaftlichen Verflechtung beider deutscher Staaten dann erneut, als eine Folge der „zweiten Globalisierungswelle“, wie die Zäsur häufig beschrieben wird. Die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung hatte bis dahin zu einem großen Teil aus einem Zusammenhang bestanden, den Experten als die „große Spezialisierung“ bezeichnen: die Aufteilung der Welt in Nationen, die Rohstoffe liefern, und anderen Nationen, die die Rohstoffe in Fertigwaren umwandeln. Der hieraus resultierende weltweite Handel war häufig von einem direkten Gütertausch Rohstoffe gegen Fertigwaren gekennzeichnet, der sich bis hinein in die kaufmännischen Aktivitäten einzelner Handelshäuser findet. Seit den 1970er Jahren ist der „Intra-Industry-Trade“ immer wichtiger geworden, bei dem die Fertigwarenproduzenten untereinander in Handelsbeziehungen treten und Industriewaren gegen andere Industriewaren tauschen.
Mit der „zweiten Globalisierung“ der 1980er Jahre war aus einer sehr langfristigen Perspektive auch eine Phase der Weltgeschichte an ein Ende gekommen, die im Anschluss an das gleichnamige Buch von Kenneth Pomeranz als „Great Divergence“ bezeichnet wird. Begonnen hatte diese Phase um 1800, als sich im Zusammenhang mit der Industrialisierung eine Prosperitätslücke zwischen den europäischen Volkswirtschaften und dem Chinesischen Großreich aufgetan habe. Das was wir als „große Spezialisierung“ bezeichnen, wird dabei als ein Ergebnis des Europäischen Kolonialismus angesehen, als das handelsgeschichtliche Resultat der Ausbeutung der Welt durch den europäischen Kapitalismus.20 Insbesondere Großbritannien war hierdurch am Ende des 19. Jahrhunderts in die Rolle einer unbestrittenen Weltwirtschaftsmacht gelangt, mit einem Welthandelsanteil von schätzungsweise einem Viertel, ein Wert, den weder die USA unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg (21%) noch China heute (12%) jemals erreicht haben. Mehr als die Hälfte aller globalen Direktinvestitionen gehörten britischen Unternehmen – auch das bis heute unerreicht. Die Deutschen Staaten spielten in der europäischen Expansion anfänglich eine untergeordnete, vielleicht aber bisher auch nur unterschätzte Rolle (siehe unten). Erst nach der Reichsgründung und der „Zweiten Industriellen Revolution“ seit den 1860er Jahren etablierte sich das Land als aufstrebende Weltwirtschaftsmacht.
Die „zweite Globalisierung“ seit den 1970er Jahren hinterließ eine ähnlich tiefe Zäsur in der Geschichte der Weltwirtschaft. Sie erodierte nicht nur die ökonomische Suprematie der USA und führte zu einer geographischen Verlagerung in den asiatisch-pazifischen Raum, was eng mit der Öffnungspolitik Chinas unter Deng Xiaoping verbunden war. Sie korrigierte auch die letzten Überreste für die „Great Divergence“ spezifischen Struktur des Welthandels, den Austausch zwischen Rohstoff- und Fertigwarenproduzenten. Dabei war die mengen- oder wertmäßige Ausdehnung des Welthandels gar nicht das entscheidende, sondern der Wandel in der Zusammensetzung der Handelsgüter, hin zu industriellen Vorprodukten und weg von den Rohstoffen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
Die Bezeichnung des nun immer mehr dominierenden „Intra-Industry-Trade“ bezieht sich einerseits auf die zunehmende Desintegration von Produktionsprozessen, in denen Teile beispielsweise eines Autos in verschiedenen Ländern hergestellt werden. Für die Zusammenführung zur Endmontage in einem Land ist dann der Handel mit industriellen Vorprodukten notwendig, wobei die Gegenstände selbst häufig innerhalb eines einzigen international operierenden Konzerns ausgetauscht, in der Handelsstatistik aber als Außenhandel aufgelistet werden.21 Andererseits entsteht der „Intra-Industry-Trade“ durch die engere Verflechtung internationaler Märkte bis hin zur kulturellen Verflechtung, wodurch amerikanische oder japanische Autos in Deutschland verkauft werden und gleichzeitig deutsche Autos in den USA und (seltener) in Japan. Die seit den 1970er Jahren im Zuge der „Containerization“ sinkenden Transport-, Logistik- und Organisationskosten machten diesen Strukturwandel des Welthandels möglich.22
Hierdurch ist die weltwirtschaftliche Verflechtung seit den 1980er Jahren und verstärkt seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sprunghaft gestiegen und das wiedervereinigte Deutschland war einer der größten Nutznießer und zugleich ein Vorreiter dieser Entwicklung. Export- und Importquote der alten Bundesrepublik hatten schon vor der Wiedervereinigung bei ca. 25% und 20% und damit auf einem historischen Höchstwert gelegen. Nach der kurzen vereinigungsbedingten außenwirtschaftlichen Bereinigung kletterten sie auf 40% bzw. 30%. Der schon fast schwindelerregende Exportüberschuss von bis zu 8% des BIP, den die Bundesrepublik dabei in der letzten Dekade erwirtschafte, beflügelte zugleich Phantasien eines deutschen „Exportweltmeisters“, wie er die europäischen Handelspartner erzürnte.23 Erst in den Jahren nach der Corona-Pandemie und seit dem Beginn des Ukrainekrieges werden zunehmend die Risiken einer starken Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von der Weltwirtschaft in den Vordergrund gestellt, was eine deutliche Abkehr von einem fast 150 Jahre alten deutschen außenwirtschaftspolitischen Glaubensbekenntnis darstellt.
Eine vergleichsweise junge Entwicklung in Deutschland ist dabei der zunehmende Anteil des internationalen Handels mit Dienstleistungen, der in der wirtschaftshistorischen Makrobetrachtung bislang kaum eine Rolle gespielt hat. In der heutigen Weltwirtschaft spielt der Handel mit Dienstleistungen von Banken, Unternehmensberatungen und Tech-Giganten zunehmend eine Rolle, insbesondere in Ländern mit ausgeprägten Finanzsektoren wie die USA und Großbritannien. In Deutschland machen die Dienstleistungen selbst heute kaum mehr als 10% der Leistungsbilanz aus. Tatsächlich statistisch zurückverfolgen lässt sich der Handel mit Dienstleistungen für Deutschland wohl nur bis in die 1960er Jahre. Für den Zeitraum davor liegen höchstens einzelne Schätzungen vor. Damit wird aber die Bedeutung einer sehr großen Gruppe von für den Außenhandel zentralen Akteuren, Privatbankiers und Investoren, Reeder, Kaufleute, Versicherer, Agenten und Handlungsreisenden, bislang wohl deutlich unterschätzt. In dieser Edition sollen nicht zuletzt sie nun zu Wort kommen.
Insgesamt hat die historische Forschung der internationalen Verflechtung der deutschen Wirtschaft bis heute vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Höchstens in solchen dramatischen Krisenphasen wie der Weltwirtschaftskrise wurde die internationale Dimension der deutschen Wirtschaft ausgiebig untersucht und einbezogen, obwohl auch hier die Frage nach den binnenwirtschaftlichen Handelsspielräumen von Reichskanzler Brüning im Vordergrund stand.24 Im deutschen „Wirtschaftswunder“ verkündete Wirtschaftsminister Ludwig Erhard selbst voller Stolz „Deutschlands Rückkehr zum Weltmarkt“, ohne dass daraus in der wirtschaftshistorischen Forschung eine gründliche Untersuchung der Natur der weltwirtschaftlichen Verflechtung gefolgt wäre. Wo ihre Bedeutung betont wurde, ging es um die Untersuchung der deutschen Wirtschaftspolitik und deren Sicht auf die Weltwirtschaft.25 Bei der Betrachtung der außenwirtschaftlichen Verflechtung des Deutschen Reiches dominiert Bismarcks Kehrtwende zum Protektionismus, letztlich also ein innenpolitisches Thema, sowohl in der geschichtswissenschaftlichen wie in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung.26 Und für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts dreht sich vieles um den Zollverein von 1834 und damit um die komplizierte Geschichte der wirtschaftlichen Integration auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reiches, weniger dagegen um die Einbettung dieser zum Teil mit dezidierten Exportindustrien ausgestatteten Gebiete in die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung.27
Die Geschichte der Wirtschaft in Deutschland ist – genau wie die anderer gesellschaftlicher Teilsysteme – lange und überwiegend aus der Perspektive des Nationalstaats geschrieben worden. Es ging um die spezifische Institutionenstruktur, die besonderen Machtbeziehungen zwischen Kapital und Arbeit, die Tarifautonomie und die Sozialpolitik, die Kartellstruktur der deutschen Unternehmenslandschaft, die Handwerksausbildung und die besondere Struktur der „diversifizierten Qualitätsproduktion“ (Werner Abelshauser).28 Diese Institutionen waren hinreichend kompliziert und unterschieden sich von denen im Ausland, dass sie wissenschaftliche Munition für mehrere Wissenschaftlergenerationen hergaben. Die Erforschung der darüber hinaus gehenden weltwirtschaftliche Verflechtung der deutschen Wirtschaft aber rückte darüber in den Hintergrund.
Zudem war deutsche Wirtschaft – ungeachtet aller Erfolge der Rückverflechtung – seit dem Ersten Weltkrieg gegenüber der Weltwirtschaft institutionell abgeschottet und semantisch abgrenzt – anfangs eher unfreiwillig, später sehr bewusst. Mit dem Übergang zur Devisenbewirtschaftung unter der Brüning-Regierung im Juli 1931 wurde Deutschland zu einer regulatorischen Ausnahme innerhalb der mehr oder weniger marktwirtschaftlichen Volkswirtschaften und blieb es bis in die späten 1950er Jahre, die DDR sogar noch sehr viel länger.29 Wirtschaftshistorikerinnen und Wirtschaftshistoriker, die in dieser institutionellen Ausnahmekonstellation akademisch sozialisiert worden waren, mag die hierdurch verursachte Engführung auf den Nationalstaat gar nicht aufgefallen sein. Das wirtschaftswissenschaftliche Lehrbuchdenken in „geschlossenen Volkswirtschaften“ war für sie der Normalzustand,30 selbst als die Lehrbücher begannen, das Internationale in Form einer modellierten „offenen Volkswirtschaften“ auf die geschlossene Nationalökonomie aufzusatteln. Für die Studierenden musste es so aussehen, als bestünde die Weltwirtschaft aus miteinander Handel treibenden Nationalstaaten.
Nicht allein die „verspätete“ Nationalstaatgründung, der Nationalsozialismus und die Weltkriege konstituierten – so ließe sich daher schlussfolgern – einen deutschen historischen „Sonderweg“,31 sondern auch die damit verbundene spezifische wirtschaftliche Institutionenstruktur. Denn sie führte zu einem einseitig nationalstaatlichen Untersuchungsfokus in der Analyse langfristiger wirtschafts- und sozialhistorischen Entwicklungen.
Hierzu gehört übrigens auch die im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern sehr kurze deutsche Kolonialgeschichte. Der deutsche Imperialismus begann vergleichsweise spät. Noch bevor größere Diskussionen über die finanzielle Belastung durch die Kolonien im Deutschen Reich geführt werden konnten, hatte dieses den Kolonialbesitz schon wieder verloren. Während andere europäische Nationalstaaten in ihren nationalen Volkswirtschaften schon allein durch den Kolonialismus einen Weltmarktbezug hatten, entfiel eine solche Diskussionsebene im deutschen Fall weitgehend.
Dem voraus ging allerdings eine äußerst spannende Phase, in der deutsche Kaufleute ihre durchaus ehrgeizigen wirtschaftlichen Interessen unter dem Schutz der britischen, niederländischen oder (seltener) auch französischen Kolonialmächte durchzusetzen wussten32 – vergleichbar übrigens mit den ebenso eifrigen Kaufleuten aus der Schweiz.33 Vieles spricht dafür, diese frühe weltwirtschaftliche Verflechtung der Territorien des Deutschen Bundes als Grundlage für spätere Formen der Weltmarktverflechtung anzusehen. Dies gilt nicht nur für die Kontinuität der Handelshäuser in Bremen und Hamburg,34 sondern auch für das geschickte Agieren zwischen Großmächten ohne die militärisch-politische Protektion des Heimatlandes. Vom britischen „Freihandelsimperialismus“ oder „gentlemanly capitalism“ profitierten eben keineswegs nur britische Kaufleute.35 Sofern die Handelsdaten vor der Gründung des Zollvereins belastbare Aussagen zulassen, geben sie Hinweise darauf, dass die weltwirtschaftliche Verflechtung einiger deutscher Territorien vor 1834 durchaus beachtlich waren.36
Details dieser vorindustriellen deutschen Globalisierung sind bislang nur kursorisch erforscht worden,37 ganz im Gegensatz zu den weltwirtschaftlichen Bezügen der niederländischen, englischen und französischen Nachbarländer, deren Wohlstand im frühen 19. Jahrhundert auf die Gewinne aus der Plantagenwirtschaft in der Karibik zurückgingen und damit auf den atlantischen Sklavenhandel.38 Dabei war die geringe Aufmerksamkeit für die weltwirtschaftlichen Verflechtungen in der deutschen, im Unterschied zur englischen und französischen wirtschaftshistorischen Forschung ihrerseits ein Ergebnis der jeweiligen Kolonialgeschichten. In den Bildungssystemen Englands und Frankreichs wurden nämlich seit dem späten 19. Jahrhundert Studierende aus den Kolonialgebieten ausgebildet und diese brachten ihre eigenen Kenntnisse und Interessen mit ein. Eric Williams, ein Student aus Trinidad (wo er später Präsident wurde), wurde 1944 in England mit einer Arbeit über die Bedeutung der kolonialen Zuckerplantagen für die britische Industrialisierung promoviert. Die Diskussion über diese weltwirtschaftlichen Ursprünge des britischen Wohlstands ist seitdem nicht mehr abgebrochen.39
In Deutschland fand ein solcher Wissens- und Kulturtransfer kaum statt – selbst nicht in der Zeit als Deutschland, um einen Ausdruck von Eric Grimmer-Solem zu verwenden, nicht nur lernte ein Weltreich zu errichten, sondern auch ein „learning empire“.40 Nicht zuletzt dieser fehlende Wissens- und Kulturtransfer eines untergegangenen Kolonialreiches dürfte in Deutschland zu einer Überbetonung der Binnenperspektive geführt haben,41 in der Geschichts- und Sozialwissenschaft insgesamt, genauso wie in der Wirtschaftsgeschichte. In Deutschland kam es nur sehr sporadisch zu einem solchen Ideentransfer und deshalb schöpft der Forschungsansatz der „Globalgeschichte“ ausgiebig aus den britischen und französischen Diskussionen, woraus immer wieder Übertragungsfehler bei der Interpretation der deutschen Geschichte resultieren.
Als um die Jahrtausendwende die Welt eine wirtschaftliche „Hyperglobalisierung“ erlebte und auch Wirtschaftshistorikerinnen und Wirtschaftshistoriker die Geschichte der Weltwirtschaft verstärkt in den Blick nahmen, dominierten jedenfalls die Beiträge zu den kolonialen Welten Englands und Frankreichs. Vor allem die Arbeiten von Jeffrey Williamson sind hier zu erwähnen aber auch die vielen Beiträge von Kevin O’Rourke, insbesondere natürlich das gemeinsam mit dem Ökonomen Roland Findlay verfasste „Power and Plenty“ aus dem Jahr 2007, das zwischenzeitlich zum Standardwerk avancierte.42 In der unternehmenshistorischen Forschung ist Geoffrey Jones mit zahlreichen Veröffentlichungen über vornehmlich britische und amerikanische Multinationale Unternehmen eine ähnlich zentrale Figur. Auf dem Gebiet der Währungsgeschichte stammten die zentralen Beiträge von Michael Bordo, Barry Eichengreen, Harold James und Catherine Schenk.43 Mit Ausnahme der Zwischenkriegszeit und Weltwirtschaftskrise kommt Deutschland aus den erläuterten Gründen in diesen Forschungen kaum vor und umgekehrt wurden diese Forschungen hierzulande erst spät rezipiert. Ein deutscher Sonderweg ist das freilich nicht, denn eine ähnliche Entwicklung lässt sich für viele andere Länder beobachten. Eher könnte die Obsession der Globalgeschichte als ein Sonderweg der französischen, britischen und amerikanischen Geschichtswissenschaft angesehen werden.
Es gibt mithin einiges geradezurücken im Verhältnis Deutschlands zur Weltwirtschaft und der Weltwirtschaft zu den unterschiedlichen deutschen Staatsgebilden. Mit unserer forschungsorientierten Quellenedition wollen wir zentrale Dokumente zur deutschen weltwirtschaftlichen Verflechtung im 19. und 20. Jahrhundert präsentieren, die den Weg zu einer komplexeren Erforschung dieses Gegenstandsbereiches erlauben. Systematisch bauen wir hierzu auf drei zentralen Akzentverschiebungen auf:
1. Wir lösen die weltwirtschaftlichen Verflechtungen der deutschen Wirtschaft grundsätzlich von der staatlichen Ebene. Unsere Analyseeinheit sind der Konsum und die Produktions- und Verarbeitungsprozesse und deren Akteure sowie der hierdurch ausgelöste Handel mit Gütern und Dienstleistungen über politisch definierte (Staats-) Grenzen. In der „Neuen Kapitalismusgeschichte“, in der „Verflechtungsgeschichte“ und anderen Varianten der Globalgeschichte ist diesbezüglich von „global value chains“ oder „Wertschöpfungsketten“ die Rede, ein Ansatz, den wir mit dieser systematischen Akzentverschiebung aufnehmen wollen.44 Zölle und andere staatlich dekretierte Belastungen des Handels sind in dieser Perspektive keineswegs irrelevant, sie bilden aber nicht den einzigen Anlass der historischen Beobachtung und der Auswahl von Quellen.
Ökonomisch gesprochen sind es Veränderungen der relativen Preise, die eine Änderung der räumlichen Struktur der Arbeitsteilung auslösen, innerhalb von Nationalstaaten und auch darüber hinaus. Historisch gehörten dazu immer die Veränderung von Transportkosten durch technische Veränderungen (die Erfindung von Dampfschiffen, Eisenbahnen, Kühlschiffen, Autos, Flugzeugen und die Containerschifffahrt), insbesondere wenn diese kurzfristig in Erscheinung traten, wie beispielsweise durch die Eröffnung des Suez-Kanals in Verbindung mit der Nutzung von Dampfschiffen.45 Durch die Veränderung der Transportkosten verändert sich der Prozess der wirtschaftlichen Agglomeration, zentrale Handelsplätze verlagern sich, importabhängige Produktionsbetriebe verlagern ihren Standort, Arbeitskräfte wandern in die Zentren der Industrie und mit ihnen wandern auch die Konsumgüterproduzenten und die Händler. Die „New Economic Geography“, die ganz maßgeblich mit dem Namen Paul Krugmans verbunden ist, in Deutschland aber mit Hermann Heinrich von Thünen und August Lösch einschlägige Vorläufer hatte, hat diese Betrachtungsweise entscheidend geprägt. Im Gegensatz zur neoklassischen Theorie des Internationalen Handels46 gehen diese Theorien von einer vorstaatlichen Verteilung wirtschaftlicher Aktivitäten im Raum aus (also auch innerhalb eines Nationalstaates) und dann erst in einem zweiten Schritt auf die Ebene des internationalen Handels über.47 Die handelspolitischen Interventionen von Staaten werden in dieser Sicht als eine Art Verzerrung des ökonomischen Raums interpretiert und nicht als der Ausgangspunkt für internationalen Handel überhaupt. In der Edition soll es darum gehen, neben der Veränderung der wirtschaftlichen Raumordnung, die durch staatliche Handelspolitik ausgelöst wird, auch jene zu dokumentieren, die unabhängig davon in der Wahrnehmung wirtschaftlicher Akteure auftritt.
2. Diese theoretisch-inhaltliche Akzentverschiebung hat Folgen für unsere Quellenauswahl. Denn durch die Wahl von Konsum-, Verarbeitungs- und Produktionsprozessen (bzw. Wertschöpfungsketten) als Ausgangspunkt der Überlegungen, stehen die Zeugnisse staatlichen Handelns in der Außenwirtschaft nicht mehr im Zentrum. Die Quellen aus staatlichen Archiven, von Handelspolitikern, Außenministerien, Handelsattachés, Botschaftern und interministeriellen Kommissionen sind weiterhin wichtiger Bestandteil unserer Edition. Sie sollen aber in einen systematischen Zusammenhang gebracht werden mit der Interpretation von Kaufleuten und Unternehmern, die sich nur sehr ausschnitthaft in staatlichen Archiven finden, beispielsweise in Form von Eingaben oder Ratschlägen an die staatlichen Entscheider.
Zur Ergänzung der staatlichen Perspektive sind aber zusätzlich die reichhaltigen Archivbestände von Unternehmen, Handelshäusern, Banken und Bankiers sowie Wirtschaftsverbänden zu befragen. In Bezug auf die Außenwirtschaft ist diese Quellengruppe bislang lediglich in einigen Spezialuntersuchungen ausgewertet worden, etwa in Niall Fergusons Geschichte der deutschen Inflation, die sich auf Archivbestände des Hamburger Bankhauses Warburg stützt.48 Reinhard Neebe hat für seine Geschichte der bundesdeutschen Außenwirtschaftspolitik unter Ludwig Erhard die aufschlussreichen Reiseberichte des Ferrostahl-Vorsitzenden Dietrich Wilhelm von Menges fruchtbar gemacht.49 Eine systematische Einbeziehung der Perspektive jener Akteure, die die „weltwirtschaftliche Verflechtung“ Deutschlands praktisch getragen haben, findet sich in der durch die staatliche Handelspolitik dominierten Literatur und auch in anderen Quelleneditionen bisher nicht. Die Verwendung dieser Quellengruppe ist dabei auch im Hinblick auf die Frage aufschlussreich, welche Bedeutung die nationale Zugehörigkeit der Akteure für die jeweiligen Geschäfte hatte bzw. ob sie überhaupt diskutiert wurde.
3. Wir möchten außerdem die Wahrnehmung der deutschen Wirtschaft, deutscher Produkte und deutscher wirtschaftlicher Akteure im Ausland in unserer Quellenauswahl abbilden. Das wird natürlich nicht flächendeckend, aber punktuell und themenbezogen möglich sein. Die weltwirtschaftlichen Verflechtungen Deutschlands werden so gleichsam dialogisch dargestellt, über die Wahrnehmung ausländischer Märkte durch deutsche Wirtschaftsakteure auf der einen und den Beschreibungen der deutschen Akteure und ihrer Produkte durch die staatlichen und nichtstaatlichen ausländischen Handelspartner auf der anderen Seite. Mit dieser Akzentsetzung nehmen wir die Anregungen der „Globalgeschichte“ und „postcolonial history“ auf, die immer wieder auf die Bedeutung dieses Perspektivwechsels hingewiesen hat.50 Die jüngere unternehmenshistorische Forschung hat zwischenzeitlich zahlreiche aufschlussreiche Fallstudien vorgelegt, die diesen Ansätzen Rechnung tragen, beispielsweise die Arbeiten von Christina Lubinski und Julian Faust zu deutschen Unternehmen in Indien.51 Zu diesem Aspekt gehörten auch Quellen, die die konkreten Arbeitsbeziehungen zwischen In- und Ausländern in deutschen Auslandsunternehmen und ausländischen Unternehmen in Deutschland betreffen. Wenigstens in Ansätzen möchte die Edition ausgewählte Quellen vorlegen, die die Wahrnehmungsunterschiede zwischen in- und ausländischer Perspektive verdeutlichen und damit die Fruchtbarkeit einer „Mikrogeschichte“ der deutschen weltwirtschaftlichen Verflechtungen aufzeigen.52
Geographisch geht das Projekt von der heutigen Bundesrepublik als Kerngebiet des Untersuchungsfokus aus, wobei Territorien, die zum Deutschen Bund oder zum Deutschen Reich in den jeweiligen Grenzen gehörten, punktuell hinzugezogen werden sollen. Eine systematische Einbeziehung beispielsweise Österreichs ist aber nicht angestrebt. Der Bearbeitungszeitraum reicht von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart. Diesen Zeitraum haben wir in neun vorwiegend chronologische Perioden untergliedert, die als ausschließlich digital erscheinende „Bände“ nacheinander bearbeitet werden. Zum Teil sind die „Bände“ chronologisch überlappend angeordnet und manche Bände stellen einen besonderen thematischen Schwerpunkt in das Zentrum ihrer Quellenauswahl. Im Einzelnen sind nach derzeitigem Stand (2025) die folgenden Bände geplant (bzw. bereits bearbeitet):
| 1 | Die deutschen Staaten zwischen Kontinentalsperre und Reichseinigung (ca. 1800 bis ca. 1850) |
| 2 | Deutsche Kaufleute in Ostasien (langes 19. Jahrhundert) |
| 3 | Liberalismus, Cobden-Chevalier-System und die Rückkehr des Protektionismus (1850er Jahre bis 1890er Jahre) |
| 4 | Monetärer Internationalismus und Kolonialismus (ca. 1890 bis 1918) |
| 5 | Deutschland und die Neuordnung der Weltwirtschaft zwischen Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise (1919 bis 1931) |
| 6 | Deutschland zwischen Autarkie und weltwirtschaftlicher Blockbildung (1931 bis 1948) |
| 7 | Weltwirtschaftliche Verflechtung des geteilten Deutschlands (1947 bis 1990) |
| 8 | Dekolonialisierung und die Entwicklungspolitik der beiden deutschen Staaten (1950 bis 1990) |
| 9 | Die neue Globalisierung – deutsche Wiedervereinigung und europäische Integration seit 1989 |
Der Band wird sich schwerpunktmäßig mit den Auswirkungen der Französischen Revolution auf die Wirtschaft der deutschen Territorien befassen. Das betrifft zum einen die Diskussion um die Übernahme der französischen Gewerbeordnung im Zuge der europäischen Expansion Napoleons, die seit langem als Auslöser für eine industrielle Revolution in den deutschen Gebieten angesehen wird.53 Zum anderen betrifft das aber auch die ökonomischen Effekte der Kontinentalsperre für deutsche Gewerbelandschaften, worüber nach einer jüngeren Untersuchung zu Frankreich seit kurzem wieder intensiver diskutiert wird.54 Die Rolle des 1834 gegründeten Zollvereins für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands ist gegenüber der unübersichtlichen Entwicklung des Jahrhundertbeginns wesentlich besser erforscht.55 Hier gilt es im zweiten Teil des Bandes einige Akzente hinsichtlich der weltwirtschaftlichen Verflechtung des deutschen Gewerbes zu setzen.
Die Rolle der deutschen Kaufleute in China, Japan, Britisch-Indien, Niederländisch-Indien, Französisch-Indochina und den Philippinen ist bislang nur Spezialisten überhaupt bekannt, weshalb wir uns entschlossen haben, diesem Thema einen eigenen Quellenband zu widmen. Er führt zum Teil an verstreuten Orten bereits publizierte Quellenzusammen, fördert aber auch bislang vollkommen ungenutztes Quellenmaterial aus den Archiven deutscher Handelshäuser in Hamburg und Bremen zutage.56 Der Quellenband macht sehr deutlich, dass Deutschlands weltwirtschaftliche Verflechtungen nicht hinreichend erfasst werden können, wenn sie ausschließlich auf die nach Deutschland importierten oder aus Deutschland exportierten Güter beschränkt werden. Vielmehr waren deutsche Kaufleute sehr erfolgreich in innerasiatische Handelsströme eingebunden. Bremer und Hamburger Handelshäuer erzielten dabei mitunter erhebliche Gewinne, die zum Teil vor Ort reinvestiert wurden, etwa in Dock- und Hafenanlagen oder Verarbeitungsbetriebe sowie den Aufbau moderner Plantagengesellschaften.57 Weil die Staaten des 19. Jahrhunderts keine Kapitalbilanzstatistik führten, bleibt die spätere Repatriierung von Gewinnen häufig unberücksichtigt. Die Quellen der deutschen Kaufleute in Ostasien illustrieren zudem sehr anschaulich, mit welchem organisatorischem Aufwand dieser Handel zunächst unter dem Schutz britischer Hegemonie betrieben wurde, bevor er sich auch auf deutsche Handelsverträge stützen konnte und sich zunehmend mit den Interessen der deutschen Industrie und imperialen Politik verknüpfte.
Die Zeit nach der Abschaffung der Getreidezölle in Großbritannien 1846, des „navigation act“ 1854 und dann vor allem nach dem britisch-französischen Handelsvertrag von 1860 ist häufig als die Geburtsstunde des globalen Freihandels betrachtet worden. Tatsächlich profitierte insbesondere der europäische Handel in dieser Phase von niedrigen und sinkenden Zollsätzen, die in einer Serie von analog auf der Grundlage der Meistbegünstigung geschlossenen Handelsverträgen zwischen den maßgeblichen europäischen Wirtschaftsmächten für einen längeren Zeitraum abgesichert wurden.58 Im Band soll erstens dokumentiert werden, wie die deutschen Staaten unter preußischer Führung in das Cobden-Chevalier-System eingebunden wurden. Zweitens soll nachvollzogen werden, welche räumlichen Verschiebungen der wirtschaftlichen Verflechtungen dies zur Folge hatte. Drittens soll es in diesem „Band“ auch darum gehen, die Übernahme der liberalen Wirtschaftstheorie im Anschluss an Adam Smith, David Ricardo und John Stuart Mill nicht nur in der deutschen Politik, sondern auch in der deutschen Geschäftswelt zu dokumentieren. Der Band schließt ab mit der Rückkehr zum Protektionismus und zum Schutzzoll in Europa, wobei die gut erforschte innenpolitische Wende im Deutschen Reich weniger, die Interaktion mit ähnlichen Transformationen in den Nachbarstaaten aber mehr Aufmerksamkeit erhalten soll.
Dieser Band befasst sich mit der „ersten Welle der Globalisierung“, in deren Verlauf insbesondere durch die sinkenden Transportkosten zu Land und zu Wasser der Welthandel erheblich an Bedeutung gewann. Ein Schwerpunkt wird dabei auf die Herausbildung der Währungsordnung des Goldstandards gelegt. Denn dieses Währungsregime, das als eine wichtige Komponente für den Aufschwung des Welthandels angesehen wird, entstand dezentral durch nationale Festlegungen, und nicht etwa durch die vertragliche Abstimmung der Völkergemeinschaft.59 Die Entscheidung des Deutschen Reiches, mit den Münzgesetzen von 1871 und 1875 zu einer Goldwährung überzugehen, sollen in diesem Band einleitend dokumentiert werden.60 Daran anschließend sollen Quellen präsentiert werden, die deutlich machen, wie sich in dieser Phase des britischen „Imperialismus“ Handel, koloniale Expansion und Geld- und Währungspolitik gegenseitig beeinflussten. Der Band endet mit den Schwierigkeiten, denen international agierende Kaufleute nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges durch Handels- und Devisenbeschränkungen ausgesetzt waren.
Die Zwischenkriegszeit gehört zweifellos zu den am besten erforschten Kapiteln in der Geschichte der Weltwirtschaft.61 Allerdings hat sich die Forschung weitgehend auf die Lösung der konkreten makroökonomischen Probleme des Deutschen Reiches konzentriert, insbesondere auf die Reparationsfrage zwischen Londoner Ultimatum und Young-Plan und die Inflation. Diese gewissermaßen als eine Art Höhenkamm-Literatur der internationalen Wirtschaftsdiplomatie erzählte Geschichte der weltwirtschaftlichen Verflechtung in der Zwischenkriegszeit wird aber der Komplexität der darunter liegenden Schichten nicht einmal ansatzweise gerecht. Schon die zwischenzeitlich erheblich ausgeweiteten Forschungen zum Völkerbund und seiner Weltwirtschaftsgipfel dokumentiert die unermüdlichen Versuche deutscher Politiker und Unternehmer, noch vor der Wiedergewinnung der außenwirtschaftlichen Souveränität und der Aufnahme in den Völkerbund auf die internationale Bühne zurückzukehren.62 Noch vor der handels- und währungspolitischen Stabilitätsphase seit Mitte der 1920er Jahre nahmen deutsche Unternehmer Kontakt mit französischen oder britischen Konkurrenten auf, um diese von der Vorteilhaftigkeit europäischer Kartellstrukturen zu überzeugen, als einzigem Schutz vor amerikanischer Konkurrenz.63 Unterhalb der Gipfeldiplomatie und davon unabhängig agierten auch Privatbankiers, Kaufleute und Wirtschaftsanwälte, deren Interpretationen der weltwirtschaftlichen Lage in dieser Edition dokumentiert werden.
Durch den Übergang zur Devisenbewirtschaftung schottete sich die deutsche Wirtschaft sehr strikt gegenüber den großen Wirtschaftsräumen des britischen Commonwealth und dem US-amerikanischen Markt ab. Die gesamtwirtschaftlichen Folgen dieses Vorgehens sind zwischenzeitlich sehr gut erforscht worden und auch die später einsetzende „nationalsozialistische Autarkiepolitik“ ist samt ihrer weit zurückreichenden ideologischen Vorbilder bestens dokumentiert.64 In unserer Quellenedition sollen dieser Forschung insbesondere Dokumente hinzugefügt werden, die Belastungen aber auch Chancen für deutsche Unternehmen und Handelshäuser illustrieren, welche sich aus diesem weltwirtschaftlichen Strukturwandel ergaben. Außerdem soll nach Quellen gesucht werden, die Hinweise auf die Wahrnehmung deutscher Unternehmen durch ausländische Beobachter geben. Und schließlich soll nachgezeichnet werden, in welcher Weise deutsche Unternehmer und Wirtschaftsexperten die Entstehung der westlichen Weltwirtschaft während des Krieges kommentierten, vom „Tripartite Abkommen“ 1936, über die „Atlantic Charta“ 1942 und schließlich die Völkerbundkonferenz in Bretton Woods 1944.
In diesem Band soll der Versuch unternommen werden, die außenwirtschaftliche Verflechtung der beiden deutschen Teilstaaten nach dem zweiten Weltkrieg in einer Parallelmontage von Quellen aus beiden Ländern nachzuzeichnen. Basierend auf einer fast erschöpfenden Forschung zur institutionellen Einbettung der Bundesrepublik in die Vertragssysteme des „Westens“ und einer zumindest umfangreichen Forschung zur Rolle der Deutschen Demokratischen Republik bei der Entstehung des „Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe“ soll durch die Quellenauswahl auf die Friktionen hingewiesen werden, die das für West- und für Ostdeutsche Unternehmen und Betriebe jeweils hatte. Welche Rolle der „innerdeutsche Handel“ hierbei spielte, wird anhand der Quellen ebenso thematisiert werden, wie die Frage, in welcher Weise die Ölpreis- und Währungskrise des Jahres 1973 die jeweilige Einbettung der beiden deutschen Staaten in ihrem jeweiligen Handelskontext verändert haben.
Die Dekolonisierung gehört zu den wichtigen historischen und wirtschaftlichen Strukturwandelsprozessen nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Quellenband soll dokumentieren, in welcher Weise Bundesrepublik und Deutsche Demokratische Republik in diesen Prozess eingebunden waren. Hierbei sollen Quellen aus zwei unterschiedlichen und bislang unverbundenen Forschungsbereichen zusammengeführt werden: Die Unternehmensgeschichte hat sich in den letzten Jahren mit westdeutschen Unternehmen beschäftigt, die in den Märkten der ehemaligen europäischen Kolonialmächte aktiv waren und begreift diese als indirekte „Dekolonialisierungsgewinner“.65 Beeinflusst von der Globalgeschichte und den „postcolonial studies“ waren Forschungen zur deutschen Entwicklungspolitik, die – sofern wirtschaftliche Themen behandelt wurden – von einer sehr umfassend angelegten Politik der weltwirtschaftlichen Rückverflechtung zeugen und zwar in beiden deutschen Staaten.66
Im Unterschied zu allen anderen „Bänden“ können im letzten Band der Edition keine Archivquellen verwendet werden. Die Aufgabe des Bandes besteht darin, eine Auswahl von veröffentlichten Quellen in komprimierter und kommentierter Form zusammenzustellen, die auf den jüngsten Strukturwandel in der weltwirtschaftlichen Verflechtung des wiedervereinigten Deutschlands hinweisen. Hierzu gehören außenwirtschaftspolitische Grundsatzerklärungen der verschiedenen Bundesregierungen von Helmut Kohl über Gerhard Schröder und Angela Merkel bis zu den jüngeren Regierungen.67 Zentral werden aber auch Quellen sein, die die globale Expansion deutscher Unternehmen nach 1990 abbilden, was zu erheblichen Gewichtsverlagerungen in den Prioritäten der Unternehmensführung führte und viele Beobachter von einem „Niedergang der Deutschland AG“ sprechen ließ.68
Das Programm einer forschungsbasierten Quellenedition, wie es hier vorgelegt wird, liefert keine abschließende und vollständige Beschreibung der komplexen Beziehungen der deutschen Wirtschaft zu ausländischen Akteuren. Das ist nicht unser Anspruch und er wäre auch vermessen. Was wir aber mit dem Format einer Quellenedition schaffen können ist die Beschränkung der Perspektiven der Außenhandelsstatistik und der Leistungsbilanz aufzuzeigen, an die sich die öffentliche Debatte viel zu sehr gewöhnt hat. Vieles von dem, was unsere Quellen abbilden, war für die Akteure zentral und auch für die Außenhandelsstatistik von Relevanz, ohne dass es sich aber quantifizieren und dort abbilden ließe. Die Quellen zeigen die zum Teil noch unscharfen Konturen einer deutschen Wirtschaft, die auf zahlreichen Ebenen in die Weltwirtschaft ausfranst und ihrerseits zahlreiche ausländische Enklaven enthält.
Der Anspruch der Quellenedition geht aber darüber hinaus: Die Quellen sind durch die Suchscheinwerfer vorhandener Forschungskontroversen aufgefunden worden. Ob sie im Einzelnen auch ein repräsentatives Bild der weltwirtschaftlichen Verflechtung liefern können, muss sich in der Fortsetzung dieser Kontroversen erst noch zeigen – in einigen Fällen wird sich das nicht aufklären lassen. Unsere Hoffnung wäre jedenfalls, dass die von uns auf diese Weise zusammengestellten Quellenfunde den Weg in neue Forschungsdebatten ebnen und Anregungen für das Auffinden von neuen Quellen liefern. Die digitale Edition lässt es zu, dass solche Neuentdeckungen in der Zukunft in die vorhandene Quellensammlung einfließen können.