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Nr. 5.2.3.14

Maschinenschriftliche Übertragung stenographischer Aufzeichnungen vom 21.3. und 27.4.1922 betreffend Internationale Eisenkartelle (21.03.1922, 27.04.1922)

Protokoll

Regest:

Hier wiedergegeben ist das Protokoll einer Versammlung wichtiger deutscher Schwerindustrieller, deren institutioneller Rahmen nicht ganz klar ist, bezüglich der Bildung eines Syndikats oder Kartells mit der französischen Schwerindustrie. Aufgrund der französischen Erzvorkommen und der deutschen Kohlevorkommen war ein solcher Zusammenschluss aus ökonomischen Gründen naheliegend, zugleich aber durch die politischen Konflikte, die Besetzung des Rheinlandes und des Saarlandes sowie die Reparationsfrage stark belastet. Interessant erscheint hier nicht zuletzt, wie sich nationalistische Ressentiments immer wieder mit taktischen Überlegungen vermischen, ein möglichst vorteilhaftes Arrangement zu erreichen.

Maschinenschriftliche Übertragung stenographischer Aufzeichnungen vom 21.3. und 27.4.1922 betreffend

Internationale Eisenkartelle

Nach Photokopien aus dem Bestand R 13 I/261 des Bundesarchivs, dictando übertragen von Oberregierungsrat a.D. Ludwig Krieger


Allgemeine Vorbemerkungen (Krieger):

Die maschinenschriftliche Übertragung bildet die Wiedergabe der zumeist stenographischen und teilweise – insbesondere bei vorkommenden Personen- oder geographischen Namen – langschriftlichen Aufzeichnungen auf vier Photokopieblättern des Bundesarchivs aus Verhandlungen vom 21. März und 27. April 1922 betreffend das Internationale Eisenkartell. Bei den Aufzeichnungen handelt es sich um kein wortgenaues Stenogramm der Verhandlungen, sondern nur um eine auszugsweise, zum Teil im Telegrammstil abgefaßte Wiedergabe der Ausführungen der einzelnen Redner, offenbar aber jeweils unter Anlehnung an die Wortwahl der Sprecher.

Die stenographischen Aufzeichnungen sind nach dem System Gabelsberger geschrieben, und zwar zumeist in der Schriftform der sogenannten "Wiener Beschlüsse" von 1895, jedoch mit verschiedenen individuellen Abweichungen von den Systemregeln, z. B. unter regelmäßiger Anwendungen eigenwilliger Kürzungen für "müssen" mit den Ableitungen dieses Wortes an Stelle der dafür vorgeschriebenen Systemsigel.

Alle im Original langschriftlich niedergelegten Worte sind in der maschinenschriftlichen Übertragung durch Fußnoten als solche kenntlich gemacht worden, um für Sachbearbeiter klarzustellen, daß für sie die Möglichkeit einer Nachprüfung anhand der Photokopien besteht, insbesondere wenn es sich um nicht eindeutig lesbare Worte handelt. Dabei ist die maschinenschriftliche Übertragung jeweils in der Schreibweise des Originals, also entweder ausgeschrieben oder abgekürzt, erfolgt.

Unterstreichungen einzelner stenographisch oder langschriftlich geschriebener Worte des Protokolloriginals sind in gleicher Weise in die maschinenschriftliche Übertragung übernommen worden.

Parenthesen in runden Klammern ( … ) entsprechen den runden Einklammerungen im Original, z.B. bei Zwischenrufen während der Ausführungen eines Redners.

Einklammerungen in eckigen, nur unten geschlossenen Klammern in der Übertragung > … < sind nicht aus den Texten der Photokopien übernommen worden, sondern bilden Textergänzungen des Stenogrammübersetzers bei irrtümlicher Satzkonstruktion des Protokollanten oder Ergänzungen langschriftlieber Abkürzungen oder sonstige Erläuterungen des Übersetzers.

Nicht eindeutige Lesungen sowohl der stenographischen als auch der langschriftlichen Aufzeichnungen sind in erster Linie durch Fußnoten auf den Übertragungsseiten als solche bezeichnet und gegebenenfalls durch eine Alternativlesart ersetzt oder durch Verweisung auf eine der nachstehenden Anmerkungen erläutert worden.

Anmerkung 1 zu Übertragungsseite 1, Fußnote 4:

Nach dem Stenogramm an dieser Textstelle eindeutig zu lesen: Kontinent; vielleicht gemeint für Europa außer England. Möglicherweise jedoch gemeint: Kontingent. Schreibweise dafür (mehr oder weniger deutlich) auf Übertragungsseiten 3 (Zeile 3 von unten) und 6 (Textzeilen 3 und 4) von der Schreibweise der Textstelle auf Übertragungsseite 1 abweichend. Gleichwohl möglich, daß auch bei dieser Stelle "Kontingents-"Bestimmung statt Kontinent gemeint ist

Anmerkung 2 zu Übertragungsseite 6, Textzeile 7:

Statt PwR vielleicht RwR zu lesen, weil langschriftliches P bei mehrmaligem sonstigem Vorkommen - z.B. in Poincaré, Pinot, Präsident - regelmäßig anders geschrieben worden ist, aber langschriftliches R gelegentlich, z.B. im Namen Reusch, ähnlich wie P in der Buchstabenfolge PwR erscheint. Bedeutung von PwR nunächst unklar; dagegen könnte bei Lesart RwR der damalige vorläufige Reichswirtschaftsrat gemeint sein.

Bonn, im Oktober 1965 Ludwig Krieger

Internat. Eisenkartell

Reusch: In Genua wird sich wohl auch die Eisenindustrie zusammenfinden, um diese Frage zu besprechen. - Verhandlungen nicht ablehnen. - Franzosen sollen nicht geneigt gewesen sein, eine Aufforderung an uns zu richten. - 1

Haßl2:Man braucht sich nicht an einen Tisch zu setzen. - Offen sagen: solange noch feindliche Besatzung vorhanden, keine Verhandlungen führen. - Standpunkt voller Gleichberechtigung ist nötig. - Fühlung ist dagegen wünschenswert mit Franzosen. - Wir müssen uns zurückhalten. - Wir wollen uns im Minettebezug unabhängig machen - um so mehr laufen uns die Franzosen nach.3 - Mit der Betonung des Wabana-Geschäfts haben die Spanier schon nachgegeben.4 Die Schweden tun es auch. Wahrscheinlich auch die Franzosen. -

Klöckner: Die Anregung bei der Regierung liegt vor. - Bei Rathenau ist eine oberschlesische Kommission gewesen unter Führung von Brennecke und >hat< mitgeteilt, daß die französischen Industriellen mit den deutschen zusammengehen wollen. - Rathenau hat gebeten, sich mit Klöckner besprechen zu dürfen. Niederschrift von den oberschlesischen Herren überreicht. - In Paris Standpunkt, Vorarbeit für ein europäisches Eisensyndikat einzuleiten. - Beschaffung der Rohstoffe und Zuteilung der Aufträge einem Büro zu unterstellen. - (Heiterkeit.) - Deutschland will man den vorläufigen ersten Vorsitz im Kontinent und in der Preisbestimmung für lange überlassen. - Vor Abänderung des Friedensvertrages und des Reparationsparagraphen will die oberschlesische Industrie nicht nähertreten. - Die französische Regierung lehnt es ab, amtlich Schritte bei der deutschen zu tun. - Rathenau hierüber unterrichtet – Rathenau will wissen, wie die rheinisch-westfälische Industrie darüber denkt.-

Mein Standpunkt: Größte Torheit wenn wir uns heute zueinem festen Schienensyndikat vereinen würden. - Sonst würden die Feinde Druck auf unser Syndikat ausüben können. - Solange fremde Besatzung hier ist, dürfen wir nicht verhandeln. - Auch verlangen, daß die rheinischen Hafen Ddf und Dr5 freigegeben werden, daß die Besatzung zurückgezogen wird. (Und Saar: Fritz Thyssen.) Rathenau hat sich in der Sache nicht ablehnend verhalten - will aber hören, wie die hauptsächlichen Vertreter Rheinlands dazu stehen. - Rathenau will mit dem Vorsitzenden Fühlung behalten.

Mann6: Rathenau uns ausdrücklich erklärt, er würde keinen Druck auf die Industrie ausüben - weil er die Folgen nicht übersehen könne, wieweit Arbeitslosigkeit entstehen würde. - Aber begrüßen, wenn die Industriellen sich dazu entschließen können. - Die Feinde wollen nicht nur Schienenkartell, sondern allgemein Eisenkartell. -

Unsere Selbstkosten erhöht, im Ausland erniedrigt. - Unser Wettbewerb nicht mehr so groß. -

Reusch: Die Franzosen unter sich, auch sehr uneinig.-

L. Röchling: Comptoir siderurgique hat Verkauf von Halbzeug aufgeben müssen. - 90 Halbzeugverbraucher. - Das Comptoir wird wohl nur für das Inland auf 2 Jahre verlängert werden - weil dann erst die zerstörten Werke hoffen, auf ihre frühere Leistungsfähigkeit zu kommen. - Keine Gefahren, wenn wir grundsätzlich uns bereit erklären mitzumachen. - Wir machen eine Geste, weiter nichts. - Die französische Schwerindustrie hat weniger zu sagen als die deutsche bei der Regierung. –

Nothmann: Wir hatten mit der französischen Regierung zu verhandeln wegen der Schäden, die uns der Polenaufstand verursacht hat - Die Verantwortung trägt die französische Regierung, weil sie den Aufstand veranlaßt hat. -7

Seydoux und Dasteyrie überschätzen wohl unseren oberschlesischen Einfluß auf deutsche Eisenindustrie. - Den Oberschlesiern ist das Geld zugesagt worden, aber ich müßte veranlassen, daß das internationale Kartell kommt. – Ineinem Brief nach Paris gesagt, daß wir bereit sind mit zuarbeiten. - Vor allem unserem Vertrauensmann sagen, wie sie sich das Syndikat denken. - Der oberschlesische Vertrauensmann ist in Paris. -

Wenn wir grundsätzlich bereit sind zu einem Schienensyndikat, dann werden wir auf eine Quote von etwa 20 % zurückgeworfen. 1,6 Millionen t war früher der Weltabsatz von Schienen. - Heute etwa 500 000 t. - Für Deutschland bleibt 100 000 t Schienen. - Wir müssen exportieren, um unseren Rohstoffbezug aufrechterhalten wollen, um zu produzieren. - Andere Exportartikel wie Formeisen fehlen heute. - Unsere Produktion muß zurückgehen. -

Bruhn: Politisch unterlegen, wirtschaftlich stärker. - Das liegt in den Vorschriften des Versailler Vertrages. - Unter unseren Reparationslasten leiden die Ausländer. - Französische und englische Produzenten sind die Bundesgenossen für uns für eine Revision des Versailler Vertr. - Wir sollen uns wirtschaftlich in die schwächere Position begeben. - Wir müssen es ablehnen. - Schroff oder in höflicher Geste. -8

Fahrenhorst: Belgien noch nicht fertig. - Also vorerst sicher vor Einladungen. - Zur Zeit wieder konkurrenzfähig. -

Meyer: Ausgeschlossen, eine solche Knebelung mitzumachen. - Eine Anregung kann nicht von unserer Seite ergehen. (Reusch: Selbstverständlich.) Dann hinzögern. -

Bruhn: Nur nicht leise treten. - Besatzungsfrage. – Solange wir große Reparationslasten haben, können wir nur durch Ausfuhr beschäftigt, also unbeschränkt sein noch ausgedehnt werden. Jede Kontingentierung unmöglich. - Erst wenn Reparationsleistungen auf ein Mindestmaß verringert sind, wird die Mark stabilisiert werden können. -

Nothmann: In Paris auch Schneider, Creuzot dabeigewesen. Diese Herren auch in den Reparationsfragen von Bedeutung. - Reparationsfrage soll geändert werden, wenn wir auf das Kartell eingehen. -

Wir verkaufen nach dem Ausland immer noch viel zu billig. - Frankreich hat aus Mitteldeutschland gekauft zu viel höheren Preisen, als wir exportieren. - 10600 M werden für Stabeisen von den Franzosen bezahlt. -

Reusch: Wenn französische Industrie an uns kommt, müssen wir ablehnend bleiben. - Wenn aber über deutsche Regierung die Sache geht, dann dürfen wir einer derartigen Verhandlung nicht aus dem Weg gehen, aber Bedenken sagen. -

Stinnes: Es kommt gar nicht zu Verhandlungen. - Wegen Vorkriegsvertrag mit dem Kohlensyndikat in Wiesbaden verhandelt. - Das war nur ein Vorwand zur Aussprache. -9 Interessant, daß Bernard die Vollmacht aller französischen Eisenindustrie und der französischen Regierung. Der Vorsitzende des Comite des forges de France kam mit seinen Ideen der Zusammenarbeit wie vor dem Kriege heraus. In Elsaß-Lothringen auf Koks ange. Nachdem Frachten so hoch geworden, nicht mehr Minette10nach Deutschland zu liefern. - Franzosen zuviel Menschen und Geld verloren. Große Sorge, wie deutsche Industrie sich immer mehr unabhängig mache. - Mit den Engländern und Belgiern noch nicht einig. - Immer über die 3) verhandelt. - Alles an Poincaré zu berichten. - Auf Stinnes Vorschlag haben die Franzosen angenommen, statt 2 Millionen t deutsche Kohlen englische zu nehmen zu 10 % unter den üblichen englischen Preisen oder etwaigen deutschen Preisen. - Damit wir unsere Industrie besser versorgen können. - Dabei verhältnismäßig ordentlich zu benehmen die Absicht haben die Franzosen. Auch mit den deutschen Dampfern dürfen wir die englische Kohle fahren und Erz mitnehmen. -

Kartell ist noch zu früh, noch nicht darüber verhandeln.Interessante Sache, wenn wir die Lothringer Werke wieder bekämen. - Ich glaube, wir können die Werke wiederbekommen. - (Röchling: Zu optimistisch.) Auf der Gegenseite ein zunehmendes Verständnis. -

Reusch: Stelle fest: Bei offizieller Anfrage Frankreichs also auch ablehnen.

Vögler: Das wird gar nicht kommen - eine offizielle Anfrage - Das A A erwartet eine Anfrage. -

öfer11 : A A12 möchte sich in der Sache rein halten. - Gefährlich. - Rathenau kann leicht sagen, da die Schwerindustrie es abgelehnt hat, ist Genua für uns ein Fehlschlag. - Für uns ist erste Voraussetzung Aufhebung der Besatzung, auch der Saar, zweitens Einigung der Franzosen und Belgier unter sich. -13

Reusch: Rathenau Bescheid sagen. - Nochmals zusammenfinden, wenn die Sache offiziell kommt. -

Private Anregungen müssen wie bisher zurückgewiesen werden. - Ausnahme OS14.